Thomas Massie: Krieg, Israel und Schulden ruinieren Amerika

Der republikanische Kongressabgeordnete Thomas Massie aus Kentucky hält die NATO für ein Relikt des Kalten Krieges, den Krieg gegen den Iran für einen Krieg im Interesse Israels und die Dauerkriege der USA für den Weg in den finanziellen Ruin. Im Gespräch mit dem Regisseur James Patrick spricht er über die NATO-Osterweiterung, die Kriegsbefugnisse des Kongresses, die Straße von Hormus, den Einfluss der Israel-Lobby auf seinen Vorwahlkampf und die Epstein-Akten, deren Freigabe er durchgesetzt hat.

Das Interview ist Teil der Dokumentar- und Interviewreihe „World War III“ von Big Picture über die Gefahr eines Dritten Weltkriegs. OVALmedia veröffentlicht die Reihe in Partnerschaft mit Big Picture. Mehr unter ww3film.com.

Das Interview ist auf Englisch. Untertitel gibt es auf Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch.

Zusammenfassung: „Kriege sind leichter anzufangen als zu beenden“

Das Gespräch führte der Regisseur James Patrick für seine Dokumentar- und Interviewreihe über die Gefahr eines Dritten Weltkriegs. Massie vertritt seit 2012 den vierten Wahlbezirk Kentuckys im US-Repräsentantenhaus. Er hat ein Gesetz zum Austritt der USA aus der NATO eingebracht und gilt als treibende Kraft hinter der Veröffentlichung der Epstein-Akten.

Im Vorspann ordnet Patrick ein, dass Massie seine Vorwahl am 19. Mai verloren hat. Den Grund sieht Patrick in Massies Kritik am Einfluss Israels auf die US-Außenpolitik. Das Interview wurde einige Wochen davor aufgezeichnet.

NATO und Ukraine: „Die sind erwachsen geworden“

Für Massie ist die NATO eine „ungleiche Beziehung“, in der die USA die Verteidigung Europas bezahlen. Europa habe mit der EU und einer gemeinsamen Währung längst eigene Strukturen. Dass Russland in der Ukraine feststecke, zeige, dass es Europa nicht überrennen könne. Die Osterweiterung der NATO bis an Russlands Grenzen habe dagegen den russischen Nationalstolz verletzt und Putin gestärkt.

Seit 2014 stimmt Massie nach eigener Aussage gegen Resolutionen und Sanktionen, die er als „Säbelrasseln“ bezeichnet. Solche Beschlüsse würden im Ausland als Beweis gelesen, dass die USA einen Krieg suchten, und zwingen die Gegenseite zu reagieren. Den Ukrainekrieg habe er bekämpft, „bevor er begann“.

Besonders scharf kritisiert Massie den eigenen Kongress. Jedes Mal, wenn die Regierung in Kriegsfragen ohne Widerspruch davonkomme, sammle sie Macht an und gebe sie nie zurück. Heute könne ein Präsident einen Krieg gegen ein Land mit 90 Millionen Einwohnern beginnen, „und der Kongress zuckt nicht einmal mit der Wimper“. Für seine Resolution zur Kriegsbefugnis habe nur ein einziger weiterer Republikaner gestimmt. Er fordert eigene Abstimmungen über Kriegsziele, getrennt von den Haushaltsabstimmungen.

Auch Donald Trump nimmt er nicht aus. Massie erzählt, wie Trump ihn im Januar 2020 anrief, um ihn von einer Abstimmung über Kriegsbefugnisse gegen den Iran abzubringen. Damals habe er Trump noch bestätigt, er sei der erste Präsident seit Langem ohne neuen Krieg. In der zweiten Amtszeit sieht er das anders: Die USA hätten in den ersten zwölf Monaten zwei Kriege begonnen, gegen Venezuela und gegen den Iran.

Iran und Israel: „Ein strategischer Zweck, aber nicht für die USA“

Der Krieg gegen den Iran diene einem strategischen Zweck, sagt Massie, „aber nicht für die Vereinigten Staaten, sondern für Israel“. Das öffentliche Argument, man zerstöre iranische Atomanlagen, sei verbraucht. Nach seiner Einschätzung ging es darum, die Bestände an konventionellen Mittelstreckenraketen zu verringern, die Israels Raketenabwehr hätten überlasten können. Die Kosten trügen die amerikanischen Steuerzahler mit eigener Ausrüstung und eigenen Munitionsbeständen.

Die Meerenge, durch die ein großer Teil des Weltöls fließt, lasse sich militärisch kaum sicher öffnen. Selbst wenn nur jedes zwanzigste Schiff verloren ginge, wären die Versicherungskosten zu hoch. Ohne Einigung mit dem Iran gehe es nicht. Frieden sei nur möglich, wenn alle drei Kriegsparteien gleichzeitig am Tisch säßen. Israel habe aber wohl kein Interesse an einem Ende, weil der Krieg ihm „freie Hand“ im Libanon gebe.

Das Verhältnis zu Israel beschreibt Massie als „NATO mit nur zwei Ländern“, in der nur eine Seite zur Verteidigung verpflichtet sei. Seit seinem Amtsantritt erhalte Israel jährlich mindestens 3,8 Milliarden Dollar. Wenn Israel der engste Verbündete sei, fragt er, warum brauche es dann so viele Lobbyisten in Washington, anders als Großbritannien, Kanada oder Australien?

Die Kosten des Iran-Kriegs beziffert Massie auf offiziell 25 Milliarden Dollar, in Wahrheit nach seiner Schätzung eher 75 Milliarden. Dauerkriege seien wirtschaftlich nicht tragbar. Das Risiko einer Eskalation zum Weltkrieg rechnet er wie bei Hochwasser vor: Schon 5 % pro Jahr seien über zwanzig Kriegsjahre eine hohe Wahrscheinlichkeit.

Epstein-Akten und Vorwahlkampf: „Das Gesetz läuft nicht ab“

Die Freigabe der Epstein-Akten nennt Massie „äußerst erfolgreich“, was die Menge der Informationen angeht, und erfolglos, was die Rechenschaft betrifft. In Norwegen, Großbritannien und Frankreich habe es Festnahmen, Anklagen oder Durchsuchungen gegeben, in den USA nicht. FBI-Direktor Kash Patel habe unter Eid ausgesagt, es gebe keine Hinweise auf Mittäter außer Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell. Für den nächsten Schritt brauche es deshalb einen anderen FBI-Direktor und einen anderen Justizminister. Ein Motiv für den Iran-Krieg sieht Massie in den Akten nicht, wohl aber dessen Wirkung, die Aufmerksamkeit von ihnen abzulenken.

Hoffnung macht ihm, dass die Offenlegung diesmal per Gesetz erzwungen wurde. Anders als Watergate oder Iran-Contra ende der Epstein Files Transparency Act nicht mit dem jeweiligen Kongress. Auch künftige Justizminister könnten sich strafbar machen, wenn sie Epstein-Material zurückhalten.

Gegen Massie seien in seinem Vorwahlkampf rund 15 Millionen Dollar ausgegeben worden, nach seiner Schätzung zu über 95 % von AIPAC, der Republican Jewish Coalition, Christians United for Israel, Miriam Adelson und Paul Singer. Das sei die teuerste Kongress-Vorwahl des Landes.

Zum Schluss warnt Massie, die USA verspielten ihre moralische Autorität, etwa durch Angriffe auf zivile Infrastruktur und Waffenlieferungen, mit denen Gaza dem Erdboden gleichgemacht werde. Sein Maßstab für die Außenpolitik stamme aus der Sonntagsschule: „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst. Und das tun wir im Moment nicht.“


Hinweis: Der Text gibt die Aussagen und Einschätzungen von Thomas Massie wieder, wie er sie im Interview vorgetragen hat. Grundlage ist die Aufzeichnung auf ww3film.com bzw. auf dem PeerTube von Big Picture, Laufzeit etwa 35 Minuten. Veröffentlicht in Partnerschaft mit Big Picture.

Hey, wer hier ist bereit für den Krieg? Der Dritte Weltkrieg ist nicht nur unvermeidlich, sondern findet bereits in neuen Formen statt. Schmerzhafte Zugeständnisse werden unbezahlbar sein. Der Ukrainekrieg beschleunigt den Niedergang des Westens. Wir haben genug nukleare Megatonnen, um das menschliche Leben ins finstere Mittelalter zurückzuwerfen. Ich bin James Patrick, der Regisseur dieser Dokumentar- und Interviewreihe über den Ausbruch des Dritten Weltkriegs. Für diesen Film habe ich vor einigen Wochen den Abgeordneten Thomas Massie aus Kentucky interviewt. Er ist ein scharfer Kritiker der NATO. Er hat sich für ein Gesetz zum Austritt aus der NATO eingesetzt. Er sagte, wir hätten uns nie in den Ukrainekrieg einmischen sollen. Er war der wichtigste Abgeordnete dafür, dass die Epstein-Akten freigegeben wurden. Und er ist ein entschiedener Kritiker des israelischen Einflusses auf die US- Außenpolitik.

Leider hat ihn diese letzte Haltung am 19. Mai seinen Sitz gekostet, als er die republikanische Vorwahl verlor. Aber das soll uns nicht entmutigen, denn wir brauchen Hunderte wie Massie. Gute Leute sollten in die Politik gehen. Aber es soll uns eine Warnung sein vor Israels übermäßigem Einfluss auf Amerikas Drang zum Krieg. Thomas Massie, M-A-S-S-I-E, vierter Kongresswahlbezirk von Kentucky. Ich bin seit 2012 im Amt. Und Sie haben dieses Gesetz zum NATO-Austritt eingebracht. Was bewirkt das Gesetz, und warum sollten wir aus der NATO austreten? Nun, ich halte die NATO für ein Relikt des Kalten Krieges. Ich glaube nicht, dass wir sie brauchen. Ich glaube nicht, dass Europa sie braucht. Es ist eine ungleiche Beziehung, die uns nichts nützt. Und ich frage mich jeden Tag, warum wir Sozialismus subventionieren, indem wir ihre Landesverteidigung bezahlen. Sollten die USA eine Militärmacht in Europa sein? Nein, die sind groß. Die sind erwachsen geworden. Die brauchen uns nicht. Dass Russland in der Ukraine feststeckt, zeigt doch, dass es Europa nicht einfach überrennen würde, selbst wenn es wollte.

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