Jeannette Fischer | NARRATIVE #213 by Robert Cibis

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Krieg ist Beziehungslosigkeit

In einer Welt, die von Krisen, Spaltung und Angst regiert scheint, trifft der Filmemacher Robert Cibis auf die Psychoanalytikerin Jeannette Fischer. Was als Analyse der gesellschaftlichen „Dunkelheit“ beginnt, entwickelt sich zu einem überraschenden Plädoyer für die Lebenslust als politische Waffe. Ein Gespräch, das die Mechanismen der Macht entlarvt und zeigt, warum wir uns vor der Freiheit fürchten.

Es fühlt sich an, als sei die Welt aus den Fugen geraten. Corona-Maßnahmen, der Krieg in der Ukraine, wirtschaftliche Unsicherheit – für viele Menschen ist der Alltag zu einem diffusen Bedrohungsszenario geworden. In der neuen Ausgabe von Narrative setzt sich Robert Cibis mit der renommierten Psychoanalytikerin und Autorin Jeannette Fischer an einen Tisch, um zu verstehen, was hinter den Kulissen unserer Psyche – und der Machtzentralen – eigentlich vor sich geht.

Cibis eröffnet das Gespräch mit einer Beobachtung, die viele Zuschauer teilen dürften: Das Gefühl, dass das „Böse“ greifbarer geworden ist. Er berichtet von Zuschriften, die hinter dem Weltgeschehen satanistische Zirkel vermuten, und fragt nach der fast sadistischen Freude, mit der während der Pandemie manche Kassiererin oder mancher Polizist ihre neu gewonnene Macht über ihre Mitbürger ausübten. Sind wir Zeugen einer globalen Verschwörung der Bosheit, oder manifestiert sich hier etwas zutiefst Menschliches?

Der Sadist als Gefangener seiner Angst

Jeannette Fischers Antwort ist so nüchtern wie verblüffend. Was wir als Sadismus wahrnehmen, ist oft nichts anderes als die logische Abwehr von Ohnmacht: „Um aus einer Ohnmacht zu kommen, gibt es eine Möglichkeit, nämlich in die Allmacht zu gehen“, erklärt Fischer. Wer andere unterdrückt, wer Vorschriften mit eiserner Härte durchsetzt, der tut dies nicht zwingend aus Freude am Leid des anderen, sondern um sich selbst nicht mehr klein und hilflos zu fühlen. In dem Moment, in dem ich Macht über jemanden habe, bin ich nicht mehr das Opfer.

Cibis erkennt darin die Strukturen großer bürokratischer Apparate und Krisenzeiten wieder: Der Krieg und der Ausnahmezustand sind gigantische Maschinen der Hierarchisierung, die dem Einzelnen das Gefühl geben, Teil von etwas „Größerem“ zu sein, während sie ihn gleichzeitig entmündigen.

Die Falle von „Gut und Böse“

Doch das Gespräch dringt tiefer vor. Fischer und Cibis dekonstruieren die Narrative, die Gesellschaften in den Krieg treiben. Das gefährlichste Werkzeug der Macht ist dabei die Spaltung in „Gut“ und „Böse“. Fischer warnt: „Das Böse gibt es nur als Antagonist des Guten“.

Sobald wir diese Trennung akzeptieren, entsteht Schuld. Und Schuld, so Fischer, ist ein reines Herrschaftsinstrument: „Wer die Deutungshoheit über die Schuld hat, der hat die Macht“. Ob es Putin ist, Trump oder der ungeimpfte Nachbar – die Suche nach dem Sündenbock dient immer dazu, von der eigenen Verantwortung abzulenken und Massen zu steuern. Psychoanalytisch betrachtet ist dies ein uralter Ritus: Man behängt einen Bock mit Sünden und schickt ihn in die Wüste, um sich selbst reinzuwaschen.

Beziehung statt Symbiose: Der Ausweg

Wenn also Spaltung und Machtmissbrauch die Symptome unserer Zeit sind, was ist das Heilmittel? Hier bietet das Gespräch einen radikalen Gegenentwurf zur gängigen „Wir müssen alle zusammenhalten“-Rhetorik.
Fischer argumentiert, dass wirkliche Demokratie und Freiheit nur in der Anerkennung der Differenz möglich sind. Das moderne Missverständnis von Beziehung sei die Suche nach Symbiose – der Wunsch, dass der andere genauso denkt und fühlt wie man selbst. Doch das, so Fischer, ist der Tod der Freiheit. „Symbiose bedeutet immer ein Teil der Selbstaufgabe“.

Wahre Beziehung – und damit eine friedliche Gesellschaft – bedeutet, auszuhalten, dass der andere nicht Ich ist. Es ist diese Reibungsfläche, die das Leben erst spannend macht. Cibis ergänzt, dass totalitäre Narrative genau diese Individualität vernichten wollen, indem sie Parteidisziplin über das Gewissen stellen, wie es eine Aussage von Frauke Brosius-Gersdorf in der Debatte um die Richterwahl am Bundesverfassungsgericht aufzeigt.

Lebenslust als politischer Widerstand

Der vielleicht provokanteste Teil des Interviews dreht sich um das „Begehren“. In einer Zeit, in der Verzicht gepredigt wird („Gürtel enger schnallen“) und Nähe als gefährlich gilt, wird die pure Lebenslust zum revolutionären Akt.

„Krieg beginnt immer da, wo das Begehren gekapert wird“, sagt Fischer. Wenn der andere nur noch als Virenschleuder oder Feind gesehen wird, stirbt die Libido, die Lebenskraft. Die Antwort auf den Krieg ist also nicht Gegen-Hass, sondern die Rückkehr zur eigenen Lust und Souveränität. Cibis zieht hier eine faszinierende Parallele zur Sportpalast-Rede von Goebbels (1943): Totalitäre Systeme verbieten das Tanzen und Feiern, weil Freude unkontrollierbar ist.

Fischers Ratschlag klingt fast zu simpel, um wahr zu sein, entfaltet aber im Kontext des Gesprächs eine enorme Wucht: „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“. Wer die Mechanismen der Angst durchschaut und sich weigert, sich ohnmächtig zu fühlen, entzieht dem System die Energie. Das bedeutet, Grenzen zu setzen und die eigene „Phallizität“ – im Sinne von Schaffenskraft und Aggression im Dienste des Ichs – nicht als etwas Schlechtes abzutun, sondern als vitalen Teil des Lebens zu begreifen.

Mut

Robert Cibis und Jeannette Fischer liefern in dieser Stunde keine einfachen Antworten auf die Frage, wer genau die Welt lenkt. Fischer beharrt darauf, dass die Lösung nicht im Detektivspiel liegt, sondern in der eigenen psychischen Widerstandskraft.

Das Video endet mit einer hoffnungsvollen Vision: Eine neue Zivilisation, die nicht auf Macht und Unterwerfung basiert, sondern auf echten Beziehungen zwischen souveränen Subjekten. Dieses Gespräch ist eine Einladung, die Angst vor der Freiheit zu verlieren und, wie Fischer es formuliert, die „Heiterkeit nicht vergehen“ zu lassen.

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Robert CibisGuten Tag. Mein Name ist Robert Cibis. Herzlich willkommen zur neuen Sendung Narrative. Sie sind immer in voller Länge auf unserer Webseite www.oval.media zu sehen. Ich bin ganz stolz, ganz geehrt, hier mit Jeannette Fischer zu sitzen. Sie ist Psychoanalytikerin und Autorin und auch schon einigen von ihnen bekannt. Durch eine Sendung, die wir vor längerer Zeit im Verlag Wie viel Zeit das war vor jedenfalls über einem Jahr mindestens veröffentlicht haben. Also Psychoanalyse ist ja heute gar nicht mehr so im Vordergrund, wenn man einfach schaut, finde ich zumindest, was alles so los ist, weil man. Ich habe das Gefühl, Leute fühlen sich bedroht. Sie fühlen sich betroffen. Es gibt Gespräche über die Macht. Wer hat die Macht? Und natürlich über das Böse. Ich erinnere mich an einen Zuschauer unserer Sendung. Der hat mir einen Brief geschickt und er hat den Brief, aber eigentlich einen ganz großen Ziegelstein beigefügt.

Er meinte damit ich, auch wenn ich lese. Und in dem Brief stand Herr Zebes, denken Sie daran, es sind die Satanisten. Ja, und? Und? Jein. Man hat immer das Gefühl, auch bei dieser Korona Geschichte, bei dem Krieg jetzt in der Ukraine. Das ist so böse, was da passiert. Das müssen ja Leute sein, die richtig schlecht sind, die nicht nur glücklich sein wollen, wie vielleicht die meisten von uns, sondern die wirklich auch schaden wollen, schaden wollen. Vielleicht zum eigenen Vorteil. Aber man fragt sich manchmal, ob dieses Schaden wollen so eine Art Eigendynamik gewonnen hat. Ja, das ist schon fast sadistisch ist die Freude an dem Leid des anderen. Und wenn man jetzt sieht, wie die Kassiererin im Supermarkt die Leute gegängelt hat mit der Korona Krise, weil sie entweder den Abstand nicht gehalten hatten oder die Maske nicht aufhat, wie die Polizisten auf einmal so einer besonderen Machtposition waren, in der ich sie vor dieser großen Krise nie gesehen habe, dass sie sozusagen den Leuten nicht sagen konnten, wo sie sich hinbewegen soll und wo nicht und und also wirklich in dieses diesen Alltag eingreifen mussten und nicht nur den Dreck aufräumen oder das Kriminelle

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