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Dissenskultur
Robert Cibis im Gespräch mit dem Kulturjournalisten und Autor Dr. Eugen Zentner über kritische Kunst, alternative Verlage und den Aufbau einer Gegenöffentlichkeit
Zentner hat sich seit 2020 einen Namen als Chronist der maßnahmenkritischen Kulturszene gemacht; parallel veröffentlicht er Kurzgeschichten und Gedichte. Cibis und Zentner kennen sich aus jener Zeit, in der sich – so Cibis – diejenigen, „die den Mund aufgemacht haben“, schnell gefunden und eine eigene, informelle Gemeinschaft gebildet hätten. Cibis erinnert daran, dass ein Interview mit ihm bei Kontrafunk nach einem Tag gelöscht wurde, während Zentner ein Gespräch mit ihm bei Transition News veröffentlichte, das dort bis heute steht.
Kurzgeschichten mit dokumentarischem Wert
Ausgangspunkt ist Zentners Band mit Kurzgeschichten aus der Corona-Zeit. Cibis beschreibt die Texte als verdichtete, zugespitzte, aber im Kern dokumentarische Notizen. Eine Szene, in der ein Zug eigens anhält, um eine Frau mit Maskenbefreiung hinauszusetzen, erinnert ihn an ein eigenes Erlebnis: Er sei von der Polizei aus einem Zug geholt worden, weil er die Maske nicht über die Nase gezogen hatte.
Zentner erklärt, die Geschichten beruhten auf realen Ereignissen, die er selbst erlebt oder über soziale Medien erfahren habe. Die Zeit sei so verrückt gewesen, dass im Grunde alles hätte passieren können. Bewusst habe er jedoch keinen Erfahrungsbericht aus Beobachterperspektive geschrieben, sondern aus der Innensicht der Betroffenen – mit ihren Wahrnehmungen und psychischen Prozessen. Das erzeuge Unmittelbarkeit und Emotionalität. Viele Leser berichteten ihm, die Lektüre wecke Erinnerungen und wirke fast retraumatisierend; Zentner spricht vom klassischen Katharsis-Effekt. Entstanden seien die Texte zwischen 2022 und 2024 als persönliche Verarbeitung einer Zeit, die ihn aufgewühlt habe.
Bücher, die man nicht findet
Beide sind sich einig, dass solche Bücher vor allem Leser erreichen, die selbst unter den Maßnahmen gelitten haben. Die „andere Seite“ komme gar nicht heran: Bei Thalia oder Dussmann liege das Buch nicht aus, auch nicht in kleineren Buchläden. Kleine Verlage mit kritischen Inhalten hätten es schwer, in den Handel zu gelangen; etablierte Verlage scheuten selbst Romane mit leiser Kritik.
Cibis schildert, warum OVALmedia 2020 einen eigenen Verlag und Buchladen gegründet hat. Bei Dreharbeiten mit chinesischen Dissidenten 2009 habe er erfahren, dass in China gerade Buchhändler ins Visier des Regimes geraten – weil ohne Vertrieb kein Buch seine Leser findet. Er nennt Beispiele aus Deutschland: den Rückzug eines Verlags bei einem Bestseller von Sucharit Bhakdi nach medialem Druck, sowie Ernst Wolffs „Finanz-Tsunami“, dessen Restbestand OVALmedia übernommen habe, nachdem der bisherige Vertrieb abgesprungen sei.
Zentner verweist darauf, dass kritische Bestseller trotz hoher Verkaufszahlen nicht auf der Spiegel-Bestsellerliste landeten und damit auch nicht auf den Bestseller-Tischen der großen Buchhandlungen. Cibis berichtet, OVALmedia habe in den ersten Wochen als einziger Händler Michael Nehls‘ „Das indoktrinierte Gehirn“ verkauft, mehrere Tausend Exemplare – die Verkäufe seien jedoch nicht in die Spiegel-Bestseller-Liste eingeflossen, weil der Shop kein ausreichend breites Sortiment führe. Für ihn ist diese Liste daher alles andere als objektiv; Zentner nennt sie ideologisch gefärbt.
Als weiteres Risiko sehen beide die Druckereien. Cibis verweist auf neue EU-Lieferkettenvorgaben für Papier, die nach Einschätzung von Druckereien kleinere Betriebe verdrängen könnten. Zentner erklärt zudem die Ökonomie des Buchmarkts: Über den Großhandel müsse ein Verlag rund 50 Prozent Rabatt gewähren. Überleben könnten kleine Verlage nur, wenn Leser direkt bei ihnen bestellen – was erst die Digitalisierung ermögliche. Cibis ergänzt, dass digitale Inhalte verlustfrei kopierbar und damit für die Verbreitung abweichender Stimmen ein großer Vorteil seien.
Wer sich äußerte – und wer nicht
In seinem Sachbuch hat Zentner die alternative Kulturszene seit der Berliner Großdemonstration vom 1. August 2020 dokumentiert, gegliedert nach Kabarett, Literatur, Musik, bildender Kunst sowie neu entstandenen Initiativen, Wettbewerben und Festivals. Kritische Künstler seien überwiegend Newcomer gewesen, die ihre Kunst zuvor als Hobby betrieben, dazu Profis von Kleinkunstbühnen. Große Namen habe es nur wenige gegeben – er nennt Xavier Naidoo, Nena, Michael Wendler, Uwe Steimle und Lisa Fitz.
Das Gespräch kommt auf Naidoos Song „Ich mach da nicht mit“, den er mit wenig bekannten Rappern aufgenommen hat und der in der Sendung eingespielt wird. Cibis sieht darin echten Widerstand. Zentner betont, erst Naidoos Bekanntheit habe dem Lied mediale Aufmerksamkeit verschafft – wenn auch negative. Das Video sei auf YouTube innerhalb kurzer Zeit gelöscht und danach von Fans über verschiedene Kanäle wieder verbreitet worden.
Literatur als Zeitdiagnose
Zentner erläutert, warum er neben Sachtexten auch literarisch arbeitet: Über Geschichten, Schicksale und Emotionen lasse sich vermitteln, was gesellschaftlich schieflaufe. Cibis zieht Linien in die Gegenwart – zu „Kriegstrommeln“ und einer schrittweise aufgebauten Kriegswirtschaft – und zu einem Klima, in dem Nachbarn einander überwachten. Zentner spricht von verbreiteter Denunziation: Bürger übernähmen staatliche Überwachungsfunktionen und fühlten sich als Wächter der Moral; „Trusted Flagger“ seien für ihn institutionalisierte Denunzianten. Von einer freien Gesellschaft könne man so nicht sprechen.
Aus seinem Gedichtband „Die Welt steht Kopf“, gegliedert unter anderem nach Corona, Krieg, Sprache und Journalismus, liest Zentner das Gedicht „Vierte Gewalt“. Es zeichnet den Weg des Journalismus von einer mutigen, kritischen Kontrollinstanz hin zu einem Teil des Machtapparats nach. Beide sprechen anschließend über den Wandel der Satire: Früher hätten Kabarettisten nach oben getreten – Zentner erinnert an den Spott über Helmut Kohl –, heute arbeite sich Satire eher an den als „Verschwörungstheoretiker“ Gebrandmarkten ab. Wer anders handle, werde nicht mehr eingeladen, wie bei Lisa Fitz oder Uwe Steimle.
„Einmal das Falsche gesagt“
Zentner berichtet aus seiner Zeit als kleiner Redakteur bei Welt TV im Frühjahr 2020, wo er den Laufband-Ticker betreute. Redaktionen hätten Listen von Experten, deren Positionen man kenne und die man je nach gewünschter Richtung einlade. Die Interviews mit Beate Bahner und Stefan Homburg in dieser Zeit seien deren letzte Auftritte dort gewesen. Auch Cibis war Anfang April 2020 einmal als Experte zur WHO bei Welt TV zu Gast – danach nicht mehr.
Cibis schildert zudem, wie informeller Druck wirke: Ein Tagesspiegel-Journalist habe bei Arte angerufen und auf die Zusammenarbeit mit OVALmedia angesprochen; später habe man ihm bestätigt, dass ein unpolitisches Projekt über klassische Musik deshalb nicht zustande kam. Es gebe dafür kein Gesetz, aber die Einschüchterung wirke – in der Folge stärker als die Berufsverbote der 1970er.
Parallelstrukturen und die Frage der Leitmedien
Cibis sieht ein großes Publikum: Während Corona seien 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung kritisch gewesen, heute seien es mehr. Er verweist auf Umfragen, wonach eine Mehrheit sich in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt fühle, sowie auf Themen, die Unzufriedenheit schürten – von der Keulung von Geflügel in Brandenburg über die Russlandpolitik bis zu Gaza und dem Iran. Zentner teilt die Diagnose der Unzufriedenheit, betont aber, dass viele dennoch Tagesthemen und Radionachrichten konsumierten und alternative Medien wie die NachDenkSeiten nicht kennten. Die Parallelstrukturen – Verlage, eine alternative Buchmesse, zunehmend professionelle Medien – wüchsen, aber langsam.
Kritisch sieht Cibis auch größere neue Medien, die sich um die bürgerliche Mitte bemühten und den Debattenraum eng hielten: Sie arbeiteten sich an Politikern wie Merz oder Spahn ab, statt zu fragen, wer eigentlich entscheide – bei Corona etwa die WHO, in Kriegsfragen militärische Bündnisstrukturen. Zentner verweist auf die Vielfalt innerhalb der alternativen Medien und auf deren knappe Ressourcen. Grundsätzlich hält er Macht und Leitmedium für kaum trennbar: Wer die Öffentlichkeit leite, sei selbst Macht; auch der Spiegel sei einst alternativ gewesen. Cibis stimmt zu, dass Größe selbst ein strukturelles Problem sei.
Unterstützung als Schlüssel
Als Ausweg sehen beide die direkte Finanzierung durch das Publikum. Zentner berichtet, die Spendenbereitschaft gehe zurück, einige kleine Medien könnten in wenigen Monaten verschwinden. Erst wenn Künstler und Medien von vielen getragen würden, entstehe eine echte Gegenöffentlichkeit. Cibis weitet den Gedanken aus: Auf allen Ebenen – Ernährung, Bildung, Infrastruktur, Information und Kultur – brauche es bürgernahe Strukturen, bis hin zu Tauschhandel und Barzahlung. Gegen „erlernte Ohnmacht“ setzt er die Überzeugung, dass jeder etwas beitragen könne. Zum Abschluss würdigt er Zentner als jemanden, der kulturelle Infrastruktur aufbaue und sichtbar mache, dass unter freiheitsliebenden Menschen längst eine neue Welt entstehe.
Hier finden Sie Kunst und Kultur gegen den Strom von Dr. Eugen Zentner





