Dr. Wolfgang Herles | NARRATIVE #204 by Robert Cibis

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“Gemütlich war es nie” – Dr. Wolfgang Herles

Der Schriftsteller, TV-Format Entwickler, politische Journalist und das berühmtes Gesicht des ZDFs Dr. Wolfgang Herles hat nun eine persönliche Biographie der Bundesrepublik mit dem Titel “Gemütlich
war es nie” herausgebracht.

Der Skeptiker ist skeptischer denn je. Denn Distanz zu den herrschenden Narrativen wird immer weniger belohnt.

Der Intellektuelle kennt die Reibung mit den Mächtigen. Es war wohl Bundeskanzler Helmut Kohl persönlich, der ihn als Chef des ZDF-Hauptstadtstudios absetzte. Zu wenig Schranze, zu viel Journalist.

Im Gespräch mit Filmemacher Robert Cibis erzählt er, wie seine kritische Haltung zu Problemen, z.B. mit der Schule führte und sie ihn dann doch immer weiter gebracht hatte. Herles legt eine beeindruckende Karriere hin und verblüfft weiterhin.

Dr. Wolfgang Herles musste erfahren wie Föderalismus, Verschiedenheit und Wettbewerb in einer offenen Leistungsgesellschaft in den letzten Jahrzehnten abgebaut wurden. Sein Trotz gegen Opportunismus und Moralisierung ist ansteckend.

 

Gesprächszusammenfassung: Die Berliner Republik und die Macht

Robert Cibis: Herr Dr. Herles, Ihr Buch ist eine Autobiografie, die Sie aber selbst als Biografie der Bundesrepublik bezeichnen. Sie beobachten unser Land seit seiner Gründung. Wo sehen Sie den fundamentalen Bruch?

Dr. Wolfgang Herles: Der Bruch kam mit der sogenannten Wiedervereinigung. Die Bonner Republik war eine Leistungs- und Aufstiegsgesellschaft. Die Berliner Republik ist geprägt von Größenwahn—etwa im Klima- und Migrationsbereich, wo wir nationale Sonderwege gehen—und einem generellen Abstieg. Die Wiedervereinigung ist in ihren politischen und gesellschaftlichen Folgen gescheitert.

Robert Cibis: Sie selbst wurden als kritischer politischer Journalist beim ZDF, als Studioleiter in Bonn, indirekt von Kanzler Kohl gefeuert. Wie ist das im öffentlich-rechtlichen Fernsehen möglich?

Dr. Wolfgang Herles: Es geschah über direkten politischen Druck. Kohl forderte meine Entfernung, weil das ZDF damals den Staatsvertrag mit den neuen Bundesländern benötigte. Ich war in diesem Moment der Falsche, da ich die parteipolitische Instrumentalisierung des Mauerfalls kritisierte. Das Problem des heutigen Mainstream-Journalismus ist, dass er sich oft wie ein „Lautsprecher der Regierungsarbeit“ verhält und der kritische Diskurs beendet wird.

Robert Cibis: Was steckt hinter dieser Machtausübung? Sie haben Mächtige wie Kohl, aber auch Unternehmer wie Soros und Musk porträtiert. Was treibt diese Menschen an?

Dr. Wolfgang Herles: Mein Lebensprojekt war es, die Macht zu beobachten. Es geht oft nicht um Geld, sondern um die Gier nach Einfluss und danach, die Gehirne der Untertanen zu beherrschen. George Soros spekulierte erfolgreich, weil er grundsätzlich gegen die Meinung der Masse setzte – für ihn war dies ein philosophisches Experiment, basierend auf seinem Skeptizismus, nicht bloße Gier nach Reichtum.

Robert Cibis: Diese Abwesenheit des kritischen Blicks spiegelt sich auch im heutigen Journalismus wider. Das Gebot der „Ausgewogenheit“ ist verschwunden. Warum?

Dr. Wolfgang Herles: Es ist die Moralisierung. Seit dem Ende des Kalten Krieges fehlt ein gleichgewichtiger ideologischer Gegensatz. An seine Stelle trat eine Ideologie, die sich quasi als Religion versteht und nur noch eine Meinung zulässt—die gute, alternativlose. Wer skeptisch ist, wird heute diskriminiert und zum Leugner erklärt.

Robert Cibis: Sie plädieren dafür, dass der mündige Bürger und der Journalist den Staat delegitimieren müssen. Wie können wir der Machtflut begegnen?

Dr. Wolfgang Herles: Das einzige, was die Macht in den Griff kriegt, ist die Teilung der Macht. Ich bin ein glühender Anti-Zentralist und plädiere für einen weit verzweigten Föderalismus nach dem Subsidiaritätsprinzip: So viel Macht wie möglich in den Kommunen.

Robert Cibis: Und welche Haltung raten Sie den Bürgern, um in dieser Realität zu bestehen?

Dr. Wolfgang Herles: Das hört sich langweilig an, aber es ist die Macht des Skeptizismus. Immer auf Distanz bleiben, den eigenen Kopf benutzen und die andere Meinung zur Kenntnis nehmen. Wer gegen das System ist, muss wissen: Macht verdirbt, und wer an die Macht kommt, wird schnell Teil des Systems.

Robert Cibis: Vielen Dank.

Erwähnte Bücher von Dr. Wolfgang Herles 

Robert CibisGuten Tag. Mein Name ist Robert Cibis und ich bin ganz froh, ganz geehrt, hier mit Dr. Wolfgang Herles zu sitzen. Er ist Schriftsteller, aber auch als Journalist natürlich bekannt, war politisch aktiv und kreativ und hat sich immer wieder an den Entwicklungen in der Bundesrepublik gerieben. Sie sind ein Jahr nach Gründung unseres Landes geboren, und jetzt haben Sie beschrieben, dass sich ganz viel ändert und wir wieder in einer neuen Welt quasi hineinkommen. Eine Transformation passiert. Was mich jetzt vielleicht als erste Frage interessieren würde, ist Wie sehr hängt jetzt Ihre Beobachtung der politischen Welt der Bundesrepublik zusammen mit dem Gesamtbild von Deutschland, was Sie jetzt heute haben?

Dr. Wolfgang HerlesNa ja, das war das Motiv dafür, ein Buch zu schreiben, das im Grunde genommen eine Autobiografie ist. Aber ich merke ich, dass es keine Autobiografie von mir ist, sondern eine Biografie dieses Landes. Das hat mit dem Zufall zu tun, dass ich am 8. Mai Geburtstag habe, also ein Datum, das schon mit dem Begriff Befreiung verknüpft ist. Das war natürlich auch eine Befreiung für meine Mutter. Aber ich war ja auch noch eine Zangengeburt. Aber das ist nur eine, ein Apercu. Ich habe aber dann eben ein Leben geführt durch Zufälle, das so nah am Geschehen der Republik entlanglief, wie ich es mir nie hätte vorstellen mögen. Das liegt daran, dass ich politischer Journalist war, Korrespondent in Bonn, schon sehr früh, schon mit 24 Korrespondent in Bonn war.

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