Chronik einer Krankheit:
Die Schulleiterin

Kollateralschäden gehen auf Sendung

Ursprünglich VERÖFFENTLICHT am 13. Dez 2021

Von Johanna und Frank Wahlig

Das Video „Der Journalist“ über Boris Reitschuster machte den Anfang und erreichte gleich 500.000 Zuschauer. Nun geht alle zwei Wochen ein neuer Kurzfilm der Reihe KOLLATERAL an den Start. Die nachdenklichen, verstörenden, bedrückenden Schicksale von Menschen, die an politischen Maßnahmen leiden, wurden erstmals als „Kollateralschaden“ bei reitschuster.de veröffentlicht. Jetzt sind die Schicksale KOLLATERAL als Kurzfilme auf Sendung. In Folge zwei berichtet „Die Schulleiterin“ Bianca, wie sie ihren Beruf und ihr Gesicht auf der Fotowand der Schule verloren hat: „Abgeklebt!“

Die Schulleiterin

Es war einmal eine Schulleiterin an einer Schule in Niedersachsen. Bianca ist jetzt nicht mehr im Impressum als Schulleiterin aufgeführt. Ihr Gesicht wurde auf der Fotowand abgeklebt. „Alle Kinder, alle Eltern, alle Lehrer können es sehen“, sagt Bianca. „Bitter!“ Die 44-Jährige ist krankgeschrieben. Sie darf die Schule nicht mehr betreten. Der Hausmeister hat ihr Schulleiterbüro ausgeräumt. Auch die Schränke von Biancas Ehemann wurden geräumt und die Zeichnung der 13-jährigen Tochter abgehängt.

Über ihre Schule sagt Bianca bei den Dreharbeiten im Sommer im Film: “Meine Schule – mein Ding.“ Diese Schule ist jetzt nicht mehr die ihre, nicht mehr ihr Ding.

Skeptische Fragen, und der Beruf ist weg!

Bianca besucht im Lockdown noch einmal ihre Schule, begleitet von unserer Kamera. „Ich habe das Gefühl, ich dürfte nicht hier sein. Komisch.“ Warum? Das Haus ist verschlossen. Keine Kinder, keine Kollegen, keine Gefahr. Das Reinigungspersonal alarmiert die Personalrätin. Die Personalrätin rückt mit ihrem Mann an und filmt den ungebetenen Besuch, um die Schule vor der Schulleiterin zu „beschützen“. Das ist das letzte Mal, dass sie ihre Schule besucht.

Bianca hat etwas getan, was früher eigentlich Pflicht von verantwortlichen Personen, Lehrern, Ärzten, Journalisten war: Sie war skeptisch gegenüber all den Verordnungen, neuen Ängsten, vermeintlichen Gefahren. Sie fragte öffentlich: Ist das alles so richtig, schadet das den Kindern, nützt das was?

Biancas Kollegen meldeten den Vorgesetzten das skeptische Unwesen. Die Folge: Es war einmal eine Schulleiterin. Sie wird freigestellt, wie es im Deutsch der ausführenden Beamten heißt.

„Wir brauchen diese Leute!“

Wie soll man mit der Skepsis umgehen? Bianca hatte Zeit, darüber nachzudenken … und eine Entscheidung zu treffen. Bianca vernetzte sich mit anderen Schulleitern und Pädagogen. Und es sind viel mehr, als den Schulbehörden recht sein kann. Daraus schöpft Bianca Kraft und die Gewissheit, das Richtige getan zu haben. Skeptisch sein – mehr war es eigentlich nicht, was sie den Job kostete. Tausende melden sich. Sie schließen sich zusammen, treffen sich, geben sich Rat und Halt. Sie starten eine Internetseite: Schulleiter für Aufklärung.

Es melden sich unzählige Schulleiter aus ganz Deutschland, aus der Schweiz, aus Israel. „Wir brauchen diese Leute, die sich auf den Weg machen“, hofft Bianca. „Irgendwann werden wir wieder eine Schule für die Kinder haben.“

NACHTRAG: Das Gesicht von Bianca im Eingangsbereich der Grundschule bei Celle wurde mit einem Aufkleber „Demokratie leben“ überklebt. Eine Initiative, für die sich die ehemalige Schulleiterin engagiert. So wird, im Kleinen, Erinnerung ausgelöscht. Die Römer nannten dieses Vorgehen „Damnatio memoriae“.

Das wird nicht gelingen. Ein wenig trägt die Porträtreihe KOLLATERAL dazu bei:
Damit keiner sagen kann: „Das haben wir nicht gewusst!“

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