Perversion des Geistes
Ein philosophischer Weckruf: In der 38. Ausgabe von „Narrative“ trifft der Filmemacher Robert Cibis auf den Philosophen Jochen Kirchhoff. Was als Gespräch über die aktuelle Krise beginnt, entwickelt sich zu einer fundamentalen Kritik an unserem naturwissenschaftlichen Weltbild, dem Transhumanismus und der Vergessenheit der menschlichen Würde.
Wir leben in einer Ära der Zahlen. Kurven, Inzidenzen und mathematische Modelle bestimmen nicht mehr nur die akademischen Diskurse, sondern diktieren unseren Alltag, unsere Freiheit und unser Selbstverständnis. Doch was passiert mit dem Menschen, wenn er nur noch als statistische Größe, als Virenschleuder oder als fehlerhafter „Biocomputer“ betrachtet wird? In einem faszinierenden Dialog geht Robert Cibis gemeinsam mit dem Philosophen und Bewusstseinsforscher Jochen Kirchhoff dieser Frage auf den Grund. Sie blicken hinter die Kulissen der aktuellen gesellschaftlichen Verwerfungen und entdecken eine ideologische Schieflage, die nicht erst 2020 begann, sondern deren Wurzeln Jahrhunderte zurückreichen.
Das Stahlskelett unserer Kultur
Gleich zu Beginn stellt Kirchhoff eine provokante These in den Raum: Was wir heute als „Wissenschaft“ verabsolutieren, ist oft eine Perversion des Geistes, eine „Verhunzung“ menschlicher Qualitäten. Kirchhoff, der sich seit 50 Jahren mit der Geschichte der Naturwissenschaften beschäftigt, argumentiert, dass die heutige Misere eine lange Vorgeschichte hat.
Das Grundübel verortet er in der Geburt der modernen Naturwissenschaft im 16. und 17. Jahrhundert. Mit Kopernikus und Galilei begann der Siegeszug einer abstrakten, mathematischen Beschreibung der Welt, die sich ursprünglich nur auf die Astronomie und die Bewegung toter Körper bezog. Das Fatale daran: Das Leben selbst, das Fühlen, Leiden und Lieben, wurde ausgeklammert. Die abstrakte Naturwissenschaft wurde, wie Kirchhoff unter Berufung auf Carl Friedrich von Weizsäcker zitiert, zum „Stahlskelett unserer Kultur“, das zwar Technik ermöglicht, aber den lebendigen Menschen eliminiert.
Robert Cibis hakt hier scharfsinnig ein und zieht Parallelen zur Gegenwart: Wir beschreiben das Leben heute so, als wäre es eine Maschine. Kirchhoff bestätigt dies: Der Mensch erscheint in diesem Weltbild nur noch als „Biocomputer“, dessen Bewusstsein und freier Wille als Illusionen abgetan werden.
Die Wissenschaft als neue Religion
Ein zentraler Spannungsbogen des Gesprächs ist die Enttarnung der Wissenschaft als moderne Ersatzreligion. Kirchhoff beobachtet, dass der methodische Atheismus der Wissenschaft eine Leere hinterlassen hat, in die nun neue Dogmen strömen. „Die Naturwissenschaft ist schon lange zur Religion geworden“, stellt Kirchhoff fest.
Besonders eindrücklich wird dies am Umgang mit der Corona-Krise diskutiert. Kirchhoff und Cibis analysieren, wie mathematische Modelle – oft erstellt von Physikern, nicht von Biologen – zu unhinterfragbaren Wahrheiten erhoben wurden, die politische Lockdowns rechtfertigten, obwohl ihre Prognosen (wie beim Imperial College) oft falsch waren. Diese Hörigkeit gegenüber Modellen erinnert an religiöse Verehrung: Die Wissenschaft verkündet, die Politik folgt, und der Bürger muss glauben.
Kirchhoff beschreibt die gesellschaftliche Atmosphäre als einen „Kult“ mit eigenen Ritualen und Liturgien, in dem die Maske fast sakrale Bedeutung erlangt und Kritiker als Ketzer oder „Leugner“ gebrandmarkt werden. Es ist eine düstere Analyse: Der Mensch, seiner metaphysischen Verankerung beraubt, klammert sich an die Verheißung der Medizin, den Tod hinauszuzögern, und ist bereit, dafür seine Lebendigkeit zu opfern.
Der Mensch als Gespenst
Einer der berührendsten Momente des Gesprächs ist Kirchhoffs Beschreibung des modernen Menschen als „Gespenst“. Indem wir uns auf unsere reine Körperlichkeit reduzieren lassen – auf den Körper, der krank werden und sterben kann –, verlieren wir das, was uns eigentlich ausmacht: unsere geistig-seelische Dimension.
„Der Mensch wird ganz klein gemacht“, beklagt Kirchhoff. Er sieht in der aktuellen Entwicklung eine „Dystopie“, in der die Würde des Menschen, seine „Ich-Haftigkeit“ und seine Fähigkeit zur Resonanz mit dem Kosmos systematisch untergraben werden.
Hier kommt der Transhumanismus ins Spiel, den Cibis anhand von Vordenkern wie Ray Kurzweil und Elon Musk ins Feld führt. Die Vision, den Menschen durch Verschmelzung mit der Maschine zu „optimieren“, um mit der Künstlichen Intelligenz mithalten zu können, wird von Kirchhoff scharf zurückgewiesen. Er sieht darin nicht den Aufstieg zu einem Gott, sondern den endgültigen Ruin des Menschseins.
Ein Ausweg durch Resonanz und Erinnerung
Doch dieses Gespräch ist kein Abgesang, sondern ein Plädoyer für die menschliche Größe. Kirchhoff weigert sich, den Menschen als „Idioten des Kosmos“ zu sehen. Er glaubt an einen lebendigen, beseelten Kosmos, in dem wir eingebettet sind.
Wie aber finden wir zurück zu dieser Würde? Kirchhoff und Cibis finden die Antwort nicht in neuen Modellen, sondern in der unmittelbaren Erfahrung. Die Musik wird als ein Tor zur Erkenntnis beschrieben, das uns eine Weite spüren lässt, die kein Computermodell erfassen kann. Es geht um „Selbstergreifung“: Sich nicht zum Objekt machen zu lassen, sondern die eigene Subjektivität und Lebendigkeit behaupten.
Kirchhoff erinnert daran, dass wir mehr sind als unsere physische Hülle. Er spricht von einer „Weltseele“ und der Möglichkeit, dass der Tod nicht das Ende, sondern ein Übergang in einen anderen Seinszustand ist. Diese Perspektive nimmt dem Tod seinen Schrecken und der technokratischen Angstmaschinerie ihre Macht.
Die “Perversion des Geistes”
„Narrative #38“ ist eine tiefenphilosophische Reise durch die Geschichte unseres Denkens. Robert Cibis gelingt es, durch präzise Fragen und kluge Einwürfe – etwa zur Rolle der Sprache oder den Parallelen zur Finanzkrise – die abstrakten Gedanken Kirchhoffs immer wieder zu erden.
Wer verstehen will, warum unsere Gesellschaft so anfällig für Angst und technokratische Bevormundung geworden ist, kommt an diesem Gespräch nicht vorbei. Es bietet intellektuelles Rüstzeug, um die „Maske“, die wir dem Universum aufgesetzt haben, zu durchschauen.
Am Ende steht eine Hoffnung: Dass diese Krise eine „Wasserscheide“ sein könnte, ein Kipppunkt, an dem wir erkennen, dass wir uns verrannt haben, und uns auf unsere eigentliche, geistige Natur besinnen.
Schauen Sie dieses Video, wenn Sie:
- Verstehen wollen, warum mathematische Modelle oft mehr Fiktion als Realität sind.
- Sich fragen, ob der Transhumanismus eine Verheißung oder ein Albtraum ist.
- Einen der eigenständigsten Denker unserer Zeit erleben wollen, der Mut macht, sich nicht „zum Idioten machen zu lassen“.
Es ist ein Gespräch, das lange nachhallt – wie eine gute Symphonie, die an eine Wahrheit erinnert, die wir fast vergessen hätten.
Lesen Sie:
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- Gespräch über „Kosmos“
- Die Wiederbeseelung der Welt
- Erkenntnis und Wahn. Das Problem der Wissenschaft in der Weltkrise
- Jochen Kirchhoffs YouTube-Kanal





