“Unter den bekannten Philosophen der Gegenwart ist Giorgio Agamben der einzige, dessen Denken auf die Verbrechen unserer Zeit reagiert hat und somit der Würde der Philosophie gerecht geworden ist. Der Essay behandelt das Thema einer universellen Komplizenschaft, durch die Herrschaft unangreifbar und Aufarbeitung nahezu unmöglich wird. Das Schweigen von Agambens Kollegen an den Philosophielehrstühlen nahezu aller westlichen Universitäten legt beredetes Zeugnis davon ab, was Agamben mit dieser Komplizenschaft meint.” Hauke Ritz

Mit euch möchte ich einige Überlegungen teilen über die extreme politische Situation der jüngsten Vergangenheit; es wäre naiv zu glauben, wir hätten sie hinter uns gelassen oder auch nur, man könne sie hinter sich lassen. Meines Erachtens ist nicht einmal uns allen bewusst, dass diese Sachlage mehr und etwas Anderes ist als ein evidenter Missbrauch in der Machtausübung oder eine (wenn auch schwere) Perversion der Grundsätze des Rechts und der öffentlichen Institutionen. Ich denke vielmehr, wir stehen vor einer Schattenlinie, und – im Unterschied zu der in Conrads Roman – kann keine Generation annehmen, sie ungestraft übertreten zu dürfen. Und wenn eines Tages die Historiker erforschen, was unter dem Deckmantel der Pandemie geschah, dann wird – so meine ich – ans Licht kommen, dass unsere Gesellschaft vielleicht nie zuvor einen solch extremen Grad an Brutalität, Verantwortungslosigkeit und zugleich Zerfall erreicht hatte. Ich habe diese drei Begriffe mit Recht verwendet, denn sie sind heute in einem „borromäischen Knoten“ verbunden, in einem Knoten also, in dem ein Element nicht von den beiden anderen losgelöst werden kann. Und wenn, wie manche nicht ohne Grund behaupten, sich die Schwere einer Situation an der Zahl der Tötungen misst, dann wird sich auch dieser Index als viel höher herausstellen, als man glaubte oder als was man zu glauben vorgibt. Um mit den Worten von Lévi-Strauss –  über Europa im Zweiten Weltkrieg – zu sprechen, könnte man sagen, unsere Gesellschaft habe „sich selbst erbrochen“. Deshalb denke ich, dass es für diese Gesellschaft keinen Ausweg gibt aus der Situation, in die sie sich mehr oder minder bewusst eingeschlossen hat, es sei denn, sie wird von etwas oder jemandem in ihrer Gesamtheit in Frage gestellt.

Aber nicht darüber wollte ich zu euch sprechen; es ist mir vielmehr ein Bedürfnis, mir zusammen mit euch Fragen zu stellen über das bisher Getane und was uns unter diesen Umständen zu tun bleibt. Ich bin vollkommen einer Meinung mit den Ausführungen eines Dokuments über die Unmöglichkeit einer Aussöhnung, das Luca Marini in Umlauf gebracht hat. Es kann keine Aussöhnung geben mit denen, die gesagt und getan haben, was in den beiden letzten Jahren gesagt und getan worden ist. Wir haben es nicht einfach mit Leuten zu tun, die sich geirrt oder aus welchem Grund auch immer abwegige Meinungen vertreten haben, die zu korrigieren wir versuchen können. Wer so denkt, gibt sich Illusionen hin. Wir haben es mit etwas Anderem zu tun, mit einer neuen Gestalt des Menschen und des Bürgers, um zwei Begriffe zu verwenden, die unserer politischen Tradition entstammen. Jedenfalls handelt es sich um etwas, das den Platz jenes Hendiadyoin eingenommen hat; ich schlage vor, dass wir dieses Etwas vorläufig mit einem Fachbegriff des Strafrechts bezeichnen, nämlich als Komplizen. Man muss jedoch dazusagen, dass es sich um einen Sonderfall der Komplizenschaft handelt, sozusagen um eine absolute Komplizenschaft in dem Sinne, den ich nun zu erklären versuche.

In der strafrechtlichen Terminologie ist ein Komplize jemand, dessen Verhalten als solches keine Straftat darstellt; sein Verhalten jedoch leistet einen Beitrag zur kriminellen Handlung eines anderen Subjekts, des Täters. Wir hatten und haben es mit Leuten – ja eigentlich mit einer ganzen Gesellschaft – zu tun, die zur Komplizin einer Straftat wurde, deren Täter nicht vorhanden bzw. dafür nicht zu benennen ist. Es ist also eine paradoxe Situation, in der es nur Komplizen gibt und der Täter fehlt, eine Situation, in der alle – vom Staatspräsidenten zum einfachen Bürger, vom Gesundheitsminister zum einfachen Arzt – stets als Komplizen und nie als Täter agieren. Ich denke, diese einzigartige Sachlage erlaubt es uns, den hobbesschen Pakt in einem neuen Blickwinkel zu betrachten, d.h. der Gesellschaftsvertrag hat die Gestalt eines Komplizenschaftspakts ohne den Täter angenommen (und das ist vielleicht seine wahre, extreme Gestalt). Dieser abwesende Täter ist zugleich der Souverän, dessen Körper aus der Masse der Komplizen besteht. Daher ist er nichts Anderes als die Verkörperung dieser allgemeinen Komplizenschaft, dieses Kom-plizen-Seins – also des Zusammen-gefaltet-Seins – aller einzelnen Individuen.
Eine Gesellschaft von Komplizen schafft eine größere und härtere Unterdrückung als jede Diktatur, denn wer sich nicht an der Komplizenschaft beteiligt – der Nicht-Komplize – wird schlicht und einfach aus dem Gesellschaftsvertrag ausgeschlossen, hat in der Stadt keinen Platz mehr.

Auch in anderem Sinn kann von Komplizenschaft gesprochen werden: Es geht um die Komplizenschaft nicht so sehr und nicht nur zwischen Bürger und Souverän, als vielmehr und auch um die zwischen Mensch und Bürger. Hannah Arendt hat mehrfach aufgezeigt, wie mehrdeutig die Beziehung zwischen diesen beiden Begriffen ist und dass es in den Erklärungen der Rechte eigentlich um die Eintragung der Geburt, also des biologischen Lebens des Individuums, in die politische und rechtliche Ordnung des modernen Staats (der Nation) geht.
Dem Menschen werden Rechte nur in dem Maße zugeteilt, wie dieser die unmittelbar verschwindende Voraussetzung des Bürgers ist. Das dauerhafte Auftreten des Menschen als solchem in unserer Zeit ist die Warnleuchte einer unheilbaren Krise in der Fiktion der Deckungsgleichheit von Mensch und Bürger, auf der die Souveränität des modernen Staates gründet. Wovor wir heute stehen, ist eine neue Konfiguration dieser Beziehung, in der der Mensch nicht mehr dialektisch in den Bürger übergeht, sondern mit diesem ein besonderes Verhältnis eingeht in dem Sinne, dass er durch die Geburt seines Körpers dem Bürger die Komplizenschaft liefert, die er braucht, um sich politisch zu konstituieren, und der Bürger erklärt sich seinerseits zum Komplizen des Lebens des Menschen, dessen Pflege er übernimmt. Diese Komplizenschaft, das werdet ihr verstanden haben, ist die Biopolitik, die heute ihre extreme – und hoffentlich letzte – Konfiguration erreicht hat.

Die Frage, die ich euch stellen wollte, lautet daher: In welchem Maße können wir uns noch gegenüber dieser Gesellschaft verpflichtet fühlen? Oder, falls wir – wie ich glaube – uns trotz allem noch irgendwie verpflichtet fühlen: Nach welchen Modalitäten und in welchen Grenzen können wir auf diese Verpflichtung reagieren und öffentlich sprechen?
Ich habe keine erschöpfende Antwort. Ich kann euch nur – wie der Dichter – sagen, was ich gewiss nicht mehr tun kann. 

Vor einem Arzt oder jemandem, der die perverse Art anprangert, wie die Medizin in diesen beiden Jahren genutzt wurde, kann ich nicht mehr anders als an erster Stelle die Medizin selbst in Frage zu stellen. Wenn man nicht von vorne überdenkt, wozu die Medizin (und vielleicht die ganze Wissenschaft, zu der sie sich gehörig fühlt) schrittweise geworden ist, kann man in keiner Weise hoffen, ihren tödlichen Lauf zu stoppen.

Vor einem Juristen oder jemandem, der die Art und Weise anprangert, wie das Recht und die Verfassung manipuliert und verraten wurden, kann ich nicht mehr anders als an erster Stelle das Recht und die Verfassung in Frage zu stellen. Ist es vielleicht nötig, um nicht über die Gegenwart zu sprechen, an dieser Stelle daran zu erinnern, dass weder Mussolini noch Hitler es nötig hatten, die in Italien bzw. Deutschland geltende Verfassung in Frage zu stellen, sondern dass sie darin sogar die Bestimmungen fanden, die sie brauchten, um ihr Regime zu errichten? Es ist also möglich, dass die Handlungen derer, die heute versuchen, ihren Kampf auf Verfassung und Recht zu gründen, von Anfang an keine Chance haben.

Wenn ich auf meine doppelte Unmöglichkeit hingewiesen habe, geschah dies nicht im Namen ungefährer metahistorischer Grundsätze, sondern – im Gegenteil – als unausweichliche Folge einer genauen Erforschung der heutigen geschichtlichen Situation. Es ist, als hätten bestimmte Verfahren oder Grundsätze, an die man glaubte oder eher zu glauben vorgab, erst jetzt ihr wahres Gesicht gezeigt, das anzuschauen wir gezwungen sind.

Es ist nicht meine Absicht, die bisherige kritische Arbeit, die gewiss auch heute hier ernsthaft und scharfsichtig fortgesetzt wird, zu schmälern oder als nutzlos zu betrachten. Diese Arbeit kann sicherlich taktisch nützlich sein und ist es auch, aber wir würden Blindheit an den Tag legen, wenn wir sie einfach mit einer Langzeitstrategie gleichsetzen würden.

In dieser Hinsicht bleibt noch viel zu tun, und es kann nur getan werden, wenn wir Konzepte und Wahrheiten, die wir für selbstverständlich hielten, vorbehaltlos fallenlassen. In Anlehnung an eine schöne Wendung von Anna Maria Ortese kann die vor uns liegende Arbeit erst dort beginnen, wo alles verloren ist – ohne Kompromisse und ohne Nostalgie.

Das italienische Original

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