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Kathokratie
In der Sendereihe „Narrative“ empfängt Robert Cibis den Publizisten und Theologen Prof. Dr. Dr. David Berger zu einem weit ausgreifenden Gespräch, das an einer Biografie ansetzt und von dort in die Grundfragen von Macht, Religion und Menschenbild führt. Berger, von 2003 bis 2010 Professor an der Päpstlichen Thomas-Akademie und nach eigener Auskunft der jüngste, den es je gab, hat seine Jahre im Vatikan in dem autobiografischen Buch Der heilige Schein verarbeitet. Er lebte damals offen homosexuell, im kirchlichen Umfeld jedoch getarnt: den langjährigen Partner gab er, wie er erzählt, als Cousin aus, während höhergestellte Geistliche ihre Partner gern als Chauffeur oder Privatsekretär vorstellten. Zum Bruch kam es, als Berger im Zusammenhang mit der Piusbruderschaft und dem Holocaust-Leugner Williamson unbequeme Fragen stellte und ihm bedeutet wurde, man wisse um seine Homosexualität und erwarte deshalb Loyalität und Schweigen. Statt sich erpressen zu lassen, ging er in die Offensive, outete sich öffentlich und wurde zum Whistleblower.
Aus dieser Erfahrung entwickelt Berger seine zentrale These, an der ihm bis heute liegt: Der scheinbare Widerspruch, dass die katholische Kirche homosexuelle Männer verurteilt und zugleich in hohem Maße aus ihnen besteht, sei gar keiner, sobald man ihn als Machtinstrument begreife. Gelebte Homosexualität gelte kirchlich als schweres Vergehen und mache die Betroffenen erpressbar; die loyalsten Priester seien deshalb oft die homosexuell veranlagten gewesen, und die Dichte solcher Geistlicher habe mit dem Rang zugenommen. Wirklich diabolisch werde dieser Mechanismus dort, wo er auf sexuelle Gewalt, auf pädosexuelle Täter angewandt und Vertuschung zum Loyalitätspfand werde. Cibis reagiert mit einer bewusst provokativen Zuspitzung: Ob die Kirche nicht insgesamt eine Art „Psyop“ sei, die militärische Herrschaft durch psychologische Operation und den Zehnten anstelle einer Armee und Steuern ersetzt habe. Berger wehrt die Vermischung historischer und gegenwärtiger Motive ab und verteidigt die Kirche pointiert als vergleichsweise humane Größe – gemessen an der Französischen Revolution, an Gulags und Konzentrationslagern sei ihm ein feierliches Hochamt mit Weihrauch allemal lieber als eine Militärparade in Moskau oder Washington.
Breiten Raum nimmt eine historische Erzählung ein, in der Berger den Konflikt zwischen weltlicher und geistlicher Macht – Augustins civitas terrena und civitas Dei – als eigentlichen Motor des abendländischen Fortschritts deutet. Die Reibung habe die ersten Universitäten hervorgebracht und, mit der Wiederentdeckung des Aristoteles bei Albertus Magnus und Thomas von Aquin, die Freisetzung der säkularen Wissenschaften ermöglicht. Luther erscheint in dieser Lesart zwiespältig: als Schöpfer einer prägenden Bibelübersetzung, zugleich aber als „Vater der Bücherverbrennung“, der sich mit dem Bruch von Rom den Reichsfürsten auslieferte, den Bauernaufstand blutig verdammte und den Antijudaismus seiner Zeit befeuerte. Cibis und Berger deuten die Reformation gemeinsam als eine Art „Teile-und-herrsche“-Konstellation, in der die Fürsten Luther gegen die katholischen Habsburger instrumentalisiert hätten; Cibis zieht die Linie bis zu heutiger Geopolitik und dem Interesse, Westeuropa und Russland gegeneinander zu stellen.
Aus dieser Vergangenheit leitet Berger seine Gegenwartskritik ab: Die deutsche Kirche sei über Konkordat, Kirchensteuer und staatlich gezahlte Bischofsgehälter eng an den Staat gebunden und werde – etwa im Wettern gegen die AfD vor Wahlen – domestiziert. Ihren eigentlichen Wert entfalte die Kirche nur als „Stachel im Fleisch“ der Mächtigen; ihr Ultramontanismus, der Blick über die Alpen nach Rom, verbürge im Unterschied zum vereinnahmten Protestantismus ein Stück Freiheit.
Von dort führt das Gespräch zur Frankfurter Schule, die Berger als Wende von einem metaphysischen zu einem konstruktivistischen Menschenbild beschreibt. Am Beispiel Judith Butlers und der Gender-Theorie erläutert er, wie das Geschlecht angeblich erst durch den performativen Sprechakt der Hebamme entstehe – für ihn eine Umkehrung, die dem Menschen das von Natur Gegebene nehme und ihn, im Gewand vermeintlicher Freiheit, gesellschaftlichen Zwängen unterwerfe. Berger betont dabei ausdrücklich, Diskriminierung transsexueller Menschen sei unmenschlich, er habe selbst eine transsexuelle Freundin und befürworte staatliche Hilfe. Seine Kritik gilt dem „Transhype“, der Selbsterklärung auf dem Standesamt und der Frühsexualisierung von Kindern, die er als „Krieg gegen die Wahrheit“ und als gezielte Entwurzelung versteht.
Cibis überträgt das ins Bild der „Unterwerfungstechnik“ und der psychologischen Zersetzung nach Stasi-Manier. In gleicher Tonlage bewerten beide die Corona-Zeit als „diabolisch“: sinnlose und schädliche Masken, traumatisierte Jugendliche, das Vokabular der „Herdenimmunität“ als Entmenschlichung, das Versammlungsverbot als Herrschaftsinstrument.
Ein verbindendes Motiv wird die Sublimierung. Mit Freud, dem er sonst distanziert gegenübersteht, hält Berger fest, dass Macht, Religion und Sexualität der „Deckelung“ bedürften, damit Zivilisation nicht am Exzess zerbreche. Das Amt und seine Uniform domestizierten die Person – illustriert am päpstlichen Ritus des brennenden Strohhalms, der die Vergänglichkeit weltlicher Macht vor Augen führte. Sublimierung erscheint auch als Quelle der Kunst, das Leiden als sinnstiftend; anschaulich wird das am Tod von Bergers Großmutter, die mit hundertundeinem Jahr, den Rosenkranz in Händen, als Glücksmoment verstorben sei. Dem stellt er die transhumanistische Verheißung eines leidfreien, unsterblichen Menschen gegenüber, die er mit Harari, mit Palantir und Thiel und dem „Turmbau zu Babel“ verknüpft: Wer den Himmel auf Erden erzwingen wolle, schaffe die Hölle, und eine Politik, die sich vor niemandem mehr verantworten müsse, werde verantwortungslos.
Auf Cibis‘ hartnäckige Frage nach dem radikal Bösen räumt Berger ein, er hätte Satanismus vor Jahren als Verschwörungstheorie abgetan; ein Exorzismus bei Pater Gabriele Amorth in Rom habe seine Vorurteile erschüttert, und er halte die Anziehungskraft des Bösen – halb im Scherz „besonders stark in Berlin“ – inzwischen für real. Die Erbsünde deutet er als säkular übersetzbaren Habitus, der sich vererbe. Zum Abschluss profiliert er das Christentum gegen den Islam, den er als Religion der Unterwerfung kritisiert, als Religion der Gnade und der Gottesfreundschaft, die dem Menschen Wurzeln, Identität und Heilung zurückgebe – Grund für die von ihm beobachtete Renaissance des Glaubens unter jungen Leuten. Cibis, erklärter Atheist und Dokumentarfilmer über radikale Christen, bleibt skeptisch, ringt aber sichtlich mit Hararis Begriff der „geteilten Fiktion“, dem Berger die Realpräsenz Christi in der Eucharistie entgegenhält. Mit Chestertons Bild von Katholiken, die auf einer Insel die wildesten Spiele wagen, weil eine schützende Mauer den Absturz verhindert, endet ein Gespräch, das die Kunst der Begrenzung zum roten Faden erhebt – und mit Cibis‘ Beobachtung, dass viele Menschen in unsicherer Zeit neu nach Form, Struktur und Halt verlangen.





