NARRATIVE #70 by Robert Cibis | Amina Gusner


Ich und die Anderen

Robert Cibis erkundet mit der Regisseurin und Autorin Amina Gusner, wie das “Ich” unterdrückt werden kann, wie das “Ich” sich befreien kann. Die Mitgründerin von Pro Quote Bühne kennt den Machtkampf zwischen Individuum und der Gemeinschaft, zwischen Frauen und Männern.


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Wie kommen Erziehungskonzepte der DDR, Gleichberechtigungsfragen und die Corona-Krise zusammen? Eine mögliche Verbindung zwischen den Themen beschreibt Regisseurin Amina Gusner in dieser Folge von Narrative. Sie spricht über ihre Kindheitserfahrungen in den sogenannten Wochenheimen der DDR und wie sie das Erlebte später aufarbeiten konnte. In ihrem Film „…“ lässt sie viele Zeitzeugen ein Bild des damaligen Erziehungskonzeptes zeichnen, das einerseits Fluch, aber für die betroffenen Mütter – wenn auch kein Segen – wenigstens ein Ausweg war. Amina Gusner sieht in vielem, das damals geschehen ist, insbesondere eine Krise der Frauen, die größere Belastungen zu stemmen hatten als die Männer. Haben sich die Zeiten diesbezüglich geändert und wenn ja, wie? Die Regisseurin sagt, dass Frauen sich bis heute vergeblich in einer männlich dominierten Gesellschaft behaupten müssen. Dabei blickt sie besonders kritisch auf ihre Branche. Den Bogen zu der aktuellen Corona-Krise schlägt sie unter anderem darüber, dass die Menschen nicht in der Lage sind, sich selbst die richtigen Fragen zu stellen. Und so könnte das große Folgen der Massen letztlich neue Traumata bewirken, die sich über Generationen in die menschliche Psyche graben.

Zusammenfassung:
„Wir traumatisieren wieder. Und man fragt sich, wann hört das auf.“ Die Regisseurin Amina Gusner ist überzeugt davon, dass eine Traumatisierung bis in die Zellen eines Menschen wandert und sich von da aus auf die Kinder überträgt. Ihr eigenes Trauma aus der Kindheit in der DDR hat sie 50 Jahre später erst zu verstehen gelernt. Waren es damals familiäre Umstände, die sie schon als Baby in die Obhut eines sogenannten Wochenheimes zwangen, sieht sie heute in dem Umgang vor allem mit Frauen und Kindern in der Corona-Krise das nächste große Trauma besonders für die jungen Generationen.

Als Kind einer alleinerziehenden Mutter in der Filmbranche hatte Amina Gusner ihre Kindheit nicht in den üblichen Einrichtungen wie Kinderkrippe und Kindergarten verbringen können. Die Wochenheime der DDR waren für Mütter ausgelegt, die beispielsweise im Schichtdienst arbeiten mussten und ihre Kinder nur am Wochenende selbst betreuen konnten. Das hieß für die betroffenen Kinder, ungefilterte Erziehung ganz im Sinne des Arbeiter- und Bauernstaates: Am Anfang standen Ordnung und die Gruppe, während an dem Ende, das ohnehin niemanden mehr interessierte, die individuellen Bedürfnisse gewesen wären. Diese hat sich Amina Gusner erst viele Jahre später in psychologischer Aufarbeitung selbst einzugestehen gelernt. Und sie ist kein Einzelfall. Auf Grundlage vieler Interviews mit betroffenen Kindern, aber auch Müttern dieser Zeit hat die Regisseurin nun einen Film gedreht, der nicht nur das System der Wochenheime erklärt. Sie möchte darauf aufmerksam machen, dass die Menschen wieder ein Bewusstsein dafür kriegen, was sie erlebt haben und was für sie traumatisierend war. Gerade in der heutigen Krise. Denn die aktuelle Situation ist auch eine Krise der Subjektivität.

Außerdem heißt es, dass man die Qualität einer Gesellschaft daran erkennen kann, wie sie mit ihren Frauen umgeht. Amina Gusner ist diesbezüglich sehr kritisch. Das mag auch an ihrer Branche liegen, die Frauen seit jeher gern zu schmückendem Beiwerk und schlechter bezahlten Angestellten degradiert, wie sie beklagt. Die nüchternen Zahlen in Sachen Führungsrollen und Gehalt belegen das tatsächlich. Und die dürften auch in anderen Bereichen ähnlich sein. Doch sind Deutschlands arbeitende Frauen nur Opfer eines Systems? Oder gibt es andere Kriterien, die einen Status definieren? Was sind die Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der Arbeitswelt? Wo münden Komplimente in Übergriffigkeit? Und wann darf man schon mal ein Auge zudrücken, wenn es etwa darum geht, wie sich Männer und Frauen auf romantischer Ebene nähern? Bei so vielen Männern in wichtigen Ämtern, steht die Frage im Raum, ob die Corona-Krise Ergebnis männlich gelenkten Größenwahns ist? Sitzen wirklich zu wenige Frauen auf den wichtigen Posten? Und wäre es mit mehr von ihnen bis hierher netter abgelaufen? In dieser Folge von Narrative kommen drei große Themenblöcke zur Sprache, die alle miteinander verwoben sind, in einer vielseitigen Diskussion, die auch ein Bild unseres aktuellen Wesenszustandes zeichnet.

2:05 Vorstellung DDR Wocheneheime
6:35 Filmausschnitt und Erklärung zum Erziehungs- und Lebenskonzept
12:33 Intention, das Thema Wochenheime in der DDR aufzuarbeiten
16:15 Traumatisierende Vergangenheit
28:20 Vergleich ihrer Generation mit der aus dem Westen
29:15 Opfer eines Systems?
35:50 Die DDR war kein Konsumentenstaat
36:30 Wenig Frauen in Führungsberufen in der DDR
37:47 Warum haben die Frauen in Deutschland so wenig gearbeitet?
45:23 Wenn mehr Frauen in wichtigen politischen Ämtern wären, was wäre in Deutschland anders?
55:10 Wie kann man das Strukturelle ändern?
59:14 Wo ist die Grenze zwischen Kompliment und Übergriffigkeit?
1:12:55 Was würdest du den Männern empfehlen?
1:14:50 Machtpolitik
1:20:08 Unterschiede zwischen Männern und Frauen: Welche gibt es wirklich?
1:28:08 Sich selbst zuhören: Ist noch jemand zu Hause?
1:31:15 Wie viele Kinder in der DDR waren in Wochenheimen?
1:33:40 Metoo-Bewegung – Spaltung?
1:47:20 Corona-Krise als männlicher Größenwahn und Egotrip
1:51:50 Was ist das Positive, die Chance, die jemand dadurch bekommen hat, in einem Wochenheim gewesen zu sein?
1:54:20 Wünsche für die Entwicklung der Gesellschaft

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