Patient als Beute
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Der Dokumentarfilm untersucht, wie im deutschen und französischen Gesundheitssystem jährlich über 300 Milliarden Euro fließen – und wer davon profitiert. Trotz der hohen Summen erleben Patienten lange Wartezeiten, gehetzte Ärzte und steigende Zuzahlungen. Der Film zeigt anhand mehrerer Fallbeispiele, wie wirtschaftliche Interessen die Patientenversorgung beeinflussen.
Pharmaindustrie: Der Fall Avastin vs. Lucentis Der US-Konzern Genentech entwickelte in den 1990ern einen Wirkstoff gegen überflüssige Blutgefäße und lizenzierte ihn an zwei Firmen: Roche verkauft ihn als Avastin (Krebsmedikament, ca. 1.500 € pro Flasche), Novartis als Lucentis (speziell für die Augenheilkunde zugelassen, 30-mal teurer pro Milliliter). Augenärzte entdeckten, dass das günstigere Avastin auch bei Makuladegeneration wirksam ist, und nutzten es weiter – zum Ärger von Novartis, das 300 Millionen Euro jährlich von deutschen Krankenkassen einfahren wollte. Nach verlorenen Gerichtsverfahren tauchte plötzlich eine unscheinbare Klausel im Arzneimittelrecht auf, die das Umfüllen von Avastin verbieten und Ärzte zum teureren Lucentis zwingen könnte. Pikant: Novartis besitzt 30 % von Roche.
Krankenhaus-Privatisierung
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- Wegberg (Deutschland): Die Stadt verkaufte ihr Krankenhaus 2006 für 26.000 € an einen Einzelinvestor. Die Staatsanwaltschaft ermittelte später in 70 Fällen von Kunstfehlern, teils mit Todesfolge.
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- Mansfeld-Südharz: Der Kreis verkaufte drei Krankenhäuser für 90 Millionen Euro an den Helios-Konzern, trotz massiver Bürgerproteste. Private Betreiber sparen vor allem durch niedrigere Löhne und Rabatte beim Materialeinkauf – eine anonyme Chirurgin berichtete, dass billigere OP-Fäden nach Operationen aufgegangen sind.
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- Carhaix (Frankreich): Die geplante Schließung von Geburtsstation und Chirurgie führte zu monatelangen Protesten. Eine hochschwangere Frau musste 45 Minuten im Krankenwagen in die nächste Klinik gefahren werden.
Ärzte zwischen Honoraren und Patientenwohl Die Honorarreform 2009 führte zu Verteilungskämpfen: Ambulante Chirurgen in Bayern verloren fast ein Drittel ihres Honorars. Deutsche Ärzte haben europaweit die kürzeste Zeit pro Patient (8 Minuten gegenüber 16 in Frankreich). Standesvertreter Jörg-Dietrich Hoppe forderte eine „Priorisierung“ – was Kritiker als offizielle Zweiklassenmedizin sehen. Gleichzeitig verdrängen medizinische Versorgungszentren (MVZ) in Konzernbesitz zunehmend die klassische niedergelassene Praxis.
Die HPV-Impfung (Gardasil) Gardasil wurde innerhalb von 18 Monaten zum umsatzstärksten Arzneimittel Deutschlands. Die Ständige Impfkommission sprach die Empfehlung 2007 sehr schnell aus – pikant: Der damalige Vorsitzende Heinz-Josef Schmitt wechselte 6–8 Wochen später zu Novartis und hatte zuvor einen vom Impfstoffhersteller Sanofi Pasteur gestifteten Preis (10.000 €) angenommen. Die tatsächliche Wirksamkeit ist wissenschaftlich umstritten (Schutzwirkung zwischen 20 und 70 %). Sina Hofrath erkrankte nach der dritten Impfung am Guillain-Barré-Syndrom, inzwischen als Nebenwirkung anerkannt.
Der Film zeichnet das Bild eines Systems, in dem die Gesundheitsmilliarden zunehmend von Pharmakonzernen und privaten Klinikketten abgeschöpft werden, während Politik unter erheblichem Lobbydruck steht. Die deutschen und französischen Gesundheitssysteme gelten zwar als vorbildlich, stehen aber vor fundamentalen Herausforderungen – und die Patienten drohen dabei zum Spielball wirtschaftlicher Interessen zu werden.
Krank sein kostet Geld, viel Geld. Allein die gesetzlichen Versicherungen in Deutschland und Frankreich sammeln und verteilen pro Jahr über 300 Milliarden Euro, Tendenz steigend. Doch die Versorgung leidet. Patienten erleben lange Wartezeiten, gehetzte Ärzte und steigende Zuzahlungen. Wie kann das sein? In welchen Kanälen verschwindet das Geld? Wenn Sie krank sind, sind Sie kein Kunde, der etwas auswählt. Dann brauchen Sie Hilfe und Zuwendung. Wie Sie behandelt werden, bestimmen dann Ärzte und Kassen. Die geben dann Ihr Geld aus. Die
Politik soll die Regeln für das Milliardenspiel festlegen, zum Wohl der Patienten. Dagegen steht der Druck mächtiger Interessenverbände. Mit patentgeschützten Medikamenten macht die Industrie hohe Gewinne. Sie will an das Geld der gesetzlichen Versicherungen, an Ihr Geld. Um aus jedem neuen Wirkstoff den maximalen Profit zu schlagen, ziehen die Firmen alle Register. Der folgende Fall ist kompliziert. Er beginnt in den 1990er Jahren im sonnigen Kalifornien. Heute betrifft er zigtausend Patienten in Frankreich und Deutschland, und inzwischen hängt sogar der deutsche Bundestag mit drin. Es geht um die Behandlung einer häufigen Augenkrankheit.
Ingo Wirz leidet unter altersbedingter Makuladegeneration. In seinem Auge wachsen überflüssige Blutgefäße, die ihn langsam blind machen. Man sieht was unscharf, und vor allem, was mir aufgefallen ist: morgens, wenn ich wach wurde und schaute so gegen die weiße Decke, hatte ich immer wie so ein Tintenfleck, wie man es kennt, wenn man so einen Tintenfleck irgendwo sieht, kurzen Moment im Blick fällt.
Schon in den 1990er Jahren entwickelt der US-Konzern Genentech ein Molekül, das gegen überflüssige Blutgefäße wirkt. Solche Äderchen wachsen aber nicht nur bei Augenkrankheiten, sondern auch bei Krebs. Deshalb machen die Forscher aus dem Molekül zwei ähnliche Wirkstoffe. Die beiden Wirkstoffe verkauft Genentech dann zur Weiterentwicklung an zwei verschiedene Hersteller. Der Chefredakteur des unabhängigen französischen Pharmajournals Prescrire beobachtet den Fall seit Jahren. Die eine Firma entwickelt das Medikament gegen Krebs und sie verkauft es zwar teuer, aber in ziemlich großen Einheiten, weil man damit ja einen ganzen Tumor behandeln will. Diese Firma ist der Pharmakonzern Roche. 2005 bringt er seine Version des Wirkstoffs auf den Markt und nennt sein Medikament Avastin. Für eine Flasche Avastin verlangt Roche rund 1500 Euro. Das Mittel ist nur für die Krebsbehandlung zugelassen. Doch schon bald bemerken amerikanische Augenärzte, dass Avastin auch gegen die Makuladegeneration im Auge eingesetzt werden kann.
Man hatte festgestellt, dass eben in einer erheblichen Verkleinerung der Dosis in Anwendung im Auge das Medikament hoch wirksam ist. Das wurde weltweit von uns allen auch angewendet. Um es den Augenärzten einfacher zu machen, beginnen Spezialapotheken, das Mittel aus den großen Flaschen in kleine Spritzen abzufüllen und an die Augenärzte zu verkaufen. Zwei Jahre lang behandeln die Augenärzte ihre Patienten mit Avastin mit guten Ergebnissen.
Haben Sie das Gefühl, dass das über die Zeit jetzt sich stabilisiert hat, das Ganze? Ja, bei der letzten Untersuchung hat sich herausgestellt, dass um 50 Prozent sich verbessert hat. Ja, ja, das ist also nicht nur stabilen, sondern sogar eine Idee schöner. Trotz der Erfolge mit dem umgefüllten Avastin beantragt Roche nie eine Zulassung für die Anwendung des Medikaments am Auge. Eigentlich merkwürdig, aber da ist ja noch die andere Firma. Auch sie hat eine Lizenz zur Weiterentwicklung des Wirkstoffs von Genentech gekauft, der Pharmariese Novartis, Jahresumsatz fast 40 Milliarden Euro. Die andere Firma verkauft ein sehr ähnliches Medikament, da besteht fast kein Unterschied, aber sie verkauft es in sehr kleinen Einheiten, um es ins Auge zu injizieren. Und natürlich verkauft sie es teuer. Patienten, die dabei sind zu erblinden, sind bereit, für den Erhalt ihrer Sehkraft viel Geld zu bezahlen. Sie hoffen.
Ebenso Novartis nennt sein Medikament Lucentis. Ein Milliliter Lucentis kostet 30 Mal mehr als ein Milliliter Avastin, und im Gegensatz zu Avastin ist Lucentis speziell für die Augenbehandlung zugelassen. Interessant daran sind die Verflechtungen zwischen den beiden Firmen: 30 Prozent des Roche-Konzerns gehören der Firma Novartis. Es sieht fast so aus, als wolle Roche den riesigen Markt der Augenheilkunde ganz seinem Partner Novartis überlassen und die Augenärzte würden sie auf die teurere Version des Genentech-Wirkstoffes umsteigen und nicht mehr das preiswertere Avastin verwenden. Man hat den Eindruck, dass die Firma sich darauf verlassen hat, dass wir das tun, was wir Jahrzehnte gemacht haben, nämlich verordnen und anwenden, weil es ja nun zugelassen ist.
Und man hat aber wohl offensichtlich übersehen, es gab ja auch Vorgespräche, dass wir schon wussten, dass es eben ein gleich wirksames Präparat seit einigen Jahren gibt, das, mit dem wir ja auch gearbeitet haben. Und man hat sich aber offensichtlich darauf verlassen, dass wir so gesetzestreu und konfliktscheu sind, dass wir das auch tun. Und das haben wir dann eben nicht gemacht.
Für ihre Injektionen ins Auge verwenden die Ärzte weiterhin Avastin, die Laborapotheken füllen es weiterhin um und die Krankenkassen bezahlen es. Doch Novartis will sich von den widerspenstigen Ärzten und Versicherungen nicht die Tour vermasseln lassen. Die Firma zerrt sie alle vor Gericht, die Apotheken, die Kassen und die Ärzte, um ihnen verbieten zu lassen, weiter das preiswertere, aber nicht zugelassene Avastin zu verwenden. Novartis hat eine einstweilige Verfügung anstrengen wollen, die uns hindern sollte, das Avastin alternativ zum Lucentis einzusetzen. Anschließend gab es eine Hauptverhandlung, die ebenso positiv für uns verlaufen ist, sodass Novartis uns also nicht zwingen konnte, ausschließlich die Hausmarke Lucentis anzuwenden.
Doch Novartis gibt nicht auf. In Berlin betreibt der Konzern ein Büro in Sichtweite des Reichstags. Zum Thema Lucentis und Avastin gibt Novartis keine Interviews. In Hintergrundgesprächen nennen Konzernvertreter jedoch offen ihre Umsatzziele für das Medikament: 300 Millionen Euro will Novartis für seine Version des Genentech-Wirkstoff von den deutschen Krankenkassen haben pro Jahr. Nach den verlorenen Prozessen scheint dieses Ziel in weite Ferne gerückt. Aber jetzt hat sich die Politik des Themas angenommen. Im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages treffen die Lobbyisten der Gesundheitsbranche auf die Regierung. Das Gesundheitsministerium lanciert eine Änderung des Arzneimittelrechts, die Novartis helfen könnte, sein Umsatzziel doch noch zu erreichen. Dabei ist die Problematik um die beiden Medikamente den Mitgliedern des Ausschusses durchaus vertraut. Man kann natürlich vermuten, dass die Firma Novartis, die ja auch Anteile der Firma Roche hat, gesagt hat: Ich mache das jetzt für diese Indikation. Es wird dann ein Preis festgelegt, der sehr viel höher ist als Avastin. Und ja, da kann man schon vermuten, dass da wirtschaftliche Gründe eine, eine Rolle spielen. Auf der Tagesordnung steht eine Aktualisierung des Arzneimittelrechts, Routine eigentlich. Doch tief verborgen im Gesetzentwurf der Regierung steckt der Jackpot für Novartis. Eine unscheinbare Klausel verbietet die Umfüllung von Avastin. Die Formulierung könnte die Augenärzte zwingen, zukünftig
nur noch das teurere Lucentis einzusetzen. Unsere Krankenkassen würde das mehrere hundert Millionen Euro kosten. Wieso diese Klausel? Wieso gerade jetzt, nachdem Novartis vor Gericht verloren hat? Vor der Kamera will sich dazu hier niemand äußern. Die endgültige Entscheidung über das Gesetz war bis zum Abschluss unserer Dreharbeiten noch nicht gefallen. Doch egal, wie es ausgeht, der Fall lässt erahnen, wie groß der Einfluss der Industrie auf die Politik ist. Oft geht es dabei nur ums Geld, manchmal jedoch steht sogar Ihre Gesundheit auf dem Spiel. Überall in Deutschland verkaufen verschuldete Gemeinden ihre Krankenhäuser. Dabei müssen die Lokalpolitiker zwischen wirtschaftlichen Interessen und dem Wohl der Patienten abwägen. Die folgende Geschichte zeigt die fatalen Konsequenzen einer Fehlentscheidung. Um Geld zu sparen, privatisiert die Kleinstadt Wegberg bei Mönchengladbach im Jahr 2006 ihr Krankenhaus. Für nur 26.000 Euro verkauft die Stadt das sanierungsbedürftige, aber schuldenfreie Haus. Käufer ist ein Einzelinvestor. Dr. Arnold Pier wird Chefarzt, Eigentümer und Direktor des 100 Betten-Hauses.
Meines Erachtens nach hat er meine Mutter umgebracht und Körperverletzung auch. Aber für mich ist Fakt, die hätte noch weiter leben können, wenn er es richtig behandelt hätte. Christel Lenzen stirbt mit 68 Jahren an einer, den Ärzten zwar bekannten, aber nicht behandelten Niereninfektion. Eine Obduktion ergibt gravierende Kunstfehler. Die Staatsanwaltschaft schaltet sich ein. Die hätte irgendwo in der urologischen Abteilung, eine urologische Klinik oder Fachklinik hätte sie gemusst, aber nein, er hat sie meines Erachtens nach sich aus Profitgier wieder zurückgeholt, weil damit jemand verloren gegangen ist, für mich ein guter Kunde verloren gegangen ist. So sehe ich das. Die Lenzens sind mit ihren Vorwürfen nicht allein. Mittlerweile verfolgt die Staatsanwaltschaft 70 Fälle von Kunstfehlern und unnötigen Eingriffen im Wegberger Krankenhaus, manche davon mit Todesfolge. Dr. Pier verliert seine ärztliche Zulassung, doch trotz der Vorfälle ist er noch immer Eigentümer des Krankenhauses. Und weil immer mehr Fälle von Behandlungsfehlern bekannt werden, verschiebt sich der Prozessbeginn immer weiter. Man konnte nicht eingreifen. Man hätte bei einem öffentlichen Krankenhaus direkt hingehen können und sagen können: Wir ziehen bestimmte Ärzte erstmal aus dem Verkehr, wir versuchen es mit anderen Ärzten, wir gehen hin und versuchen offensiv, wieder Vertrauen in die Klinik aufzubauen. Das war hier alles nicht möglich, weil man von außen natürlich dem
Eigentümer überhaupt nicht vorschreiben kann, was er in seiner Klinik mit seiner Klinik machen soll. Die Tragödie von Wegberg ist ein Extremfall, doch sie zeigt, was passieren kann, wenn eine Stadt die Kontrolle über ihr Krankenhaus in die falschen Hände gibt. In der Regel werden die Krankenhäuser verschuldeter Kommunen jedoch nicht von einzelnen Investoren, sondern von großen Konzernen aufgekauft. Einer davon ist die Firma Helios Kliniken mit Sitz in Berlin. Wir hatten uns ausgebreitet, vom Osten kommend gen Süden, dann wiederum im Westen, in Hessen weiter erworben, und wenn Sie die Karte anschauen, wir sind doch schon sehr stark bundesweit vertreten, und wir hoffen, dass sich das Bild in den nächsten Jahren noch etwas vervollständigen wird. Was ist das Erfolgsrezept von Helios? Wir sind spezialisiert auf Krankenhäuser, während der Staat, während die Stadt, der Landkreis viele, viele Aufgaben hat, darunter ist eine nur das Krankenhaus. Machen wir nur Krankenhäuser, das heißt, wir sind die Spezialisten und verstehen etwas mehr vom Geschäft als derjenige, der das als einen Teil von vielen Aufgaben macht. Etwas vom Geschäft verstehen heißt natürlich auch, ein Gewinn erwirtschaften. Immer wenn jemand an einer Sache verdienen will, dann muss für den Investor sozusagen, muss ja auch ein Gewinnball rausspringen, und der Gewinn kommt weder den Patienten noch den Beschäftigten zugute, sondern er kommt Dritten zugute, und das heißt, es wird Geld aus dem Gesundheitssystem rausgezogen,
damit jemand daran verdient. Für Behandlungen im Krankenhaus zahlen die Krankenkassen Festpreise. Eine Blinddarmoperation zum Beispiel bringt rund 2100 Euro. Verdienen können die Privaten nur, wenn ihre Kosten niedriger sind als die festgelegten Sätze. Sparen können sie zum Beispiel durch Rabatte beim Großeinkauf von Medizinprodukten. Eine Chirurgin hat erlebt, was solche Einsparungen für die Patienten bedeuten können. Sie arbeitet bei einer anderen Krankenhauskette und möchte anonym bleiben. Die Geschäftsführung ihres Hauses beschließt, für chirurgische Eingriffe preiswertere Fäden einzukaufen, ein nicht unbedeutender Kostenfaktor. Eine Patientin, die wir operiert hatten, kam mit Beschwerden, die auf eine Infektion deuteten. Wir haben dann eine zweite Operation gestartet und mussten feststellen, dass eben nicht eine Infektion vorlag, sondern die Hälfte der Nähte wieder aufgegangen war. Ja klar, wir haben der OP-Leitung von den wiederholt auftretenden Problemen mit dem Nahtmaterial berichtet, und klar, es gab dann OP-Schwestern, die echt versucht haben, am zentralen Einkauf vorbei einige der alten Fäden wieder zu bestellen, und das ist blockiert worden. Es hieß dann: Nein, es läuft jetzt alles über den zentralen Einkauf, ihr müsst mit diesen Fäden zurechtkommen. Den Grund für solche Komplikationen erfahren Sie als Patient nur selten. Wie hoch ist die Dunkelziffer?
Wo leiden die Patienten noch unter den Einsparungen der Krankenhausbetreiber? Unter den großen Krankenhausketten ist Helios bekannt für seine strenge Qualitätskontrolle. Die ist jedoch freiwillig, andere sind da offenbar weniger streng.
Besonders Kommunen mit hoher Arbeitslosigkeit und Finanzproblemen liebäugeln mit der Privatisierung ihrer Krankenhäuser. Heute entscheidet der Kreistag von Mansfeld-Südharz über den Verkauf seiner drei Krankenhäuser an den Helios Konzern. Der Verkauf ist beschlossen. 90 Millionen Euro erhält der Kreis für seine drei Krankenhäuser. Noch nie ist in dieser Turnhalle auf einen Schlag über so viel Geld entschieden worden. Die Krankenhäuser waren der wertvollste Besitz des Kreises. Manche Bürger sind wütend über den Verkauf. Im Prinzip ist es so, dass mit dem Verkauf jetzt ein politischer Wille durchgesetzt wird, der noch vor einem Jahr gegen die Mehrheit der Betroffenen, gegen die Mehrheit der gewählten Organe gestanden hat. Und das ist plötzlich anders, und das ist mit einer tiefen Verunsicherung zu erklären. Wie das organisiert wurde, kann ich Ihnen nicht sagen.
Reinhard Teschke gründete eine Bürgerinitiative. Fast ein Jahr lang hat er sich engagiert, weder Gesundheitsökonom noch Mediziner. Ich habe das eigentlich als reiner Bürger wahrnehmen wollen, und ich war vom Grundsatz her dagegen, wesentliche Elemente der Daseinsvorsorge zu privatisieren. Das ist mein Motiv, vor allem mit einer Unterschriftensammlung mobilisierte Teschke die Bevölkerung. So wie es hier liegt, sind das 12, 13.000 Unterschriften, ich gehe mal davon aus, dass es 10.000 rechtsgültige darunter sind. Auf Druck der Bürgerinitiative wurde der Verkauf zunächst gestoppt. Für Helios-Geschäftsführer Francesco De Meo ist der Umgang mit solchen Protesten Alltag. Wenn man zum Beispiel überlegt, wie das in Krefeld war, jetzt wieder Nordrhein-Westfalen, da gab es vorher Fackelzüge, da gab es Initiativen gegen die Privatisierung, da war das vor allem sehr stark getrieben, auch von den Gewerkschaften, während wir erkennen, dass das im Osten auch jetzt wieder eher getrieben wird von den Bürgern, völlig über alle Parteien häufig hinweg, natürlich stark politisch, sogenannt links, was das heißen mag, aber es ist eher eine Bürgerinitiative. Doch die Bürgerinitiative in Mansfeld-Südharz hat keine Chance. Der Kreis hat hohe Schulden und steht kurz vor dem Bankrott. Für notwendige Investitionen in die Krankenhäuser fehlt das Geld. Außerdem ist ein Krankenhaus für Stadt oder Kreis viel teurer als für einen
privaten Anbieter. Die Privaten zahlen meistens niedrigere Löhne. Alle Krankenhäuser, die Tariflöhne zahlen, entweder öffentliche Tarife oder die zum Teil schon niedrigere, aber immerhin noch kirchliche Tariflöhne zahlen, haben die Probleme damit, dass sie im Wettbewerb gegenüber Häusern, die untertariflich entlohnen, einfach Schwierigkeiten haben. Das ist der eine Bereich, der ganz massiv eine Rolle spielt. Von daher haben die öffentlichen Häuser gegenüber den privaten oft Schwierigkeiten, und das ist eine Wettbewerbsverzerrung, wenn man so will. Auch in Mansfeld-Südharz kann der Kreis seine Krankenhäuser unter diesen Bedingungen scheinbar nicht finanzieren. Es sind Kündigungen ausgesprochen worden, die zum Ende des Jahres die gegriffen hätten, und spätestens da ist man wach, gewonnen hat gesagt: Oh Gott, auch wenn wir öffentlich bleiben, werden Mitarbeiter gehen müssen und Stellen nicht wieder besetzt werden müssen, auch nicht sozial abgefedert, sondern richtig, dass welche entlassen werden, und das hat viele aufgerufen, hat gesagt: Oh Gott, was machen wir denn jetzt? Mit dem Rücken zur Wand wenden sich jetzt viele Menschen von der Bürgerinitiative ab. Der Helios-Konzern erscheint als Retter in der Not. Er garantiert Arbeitsplätze und Versorgung für die nächsten drei Jahre.
Viele Lokalpolitiker haben wegen des Verkaufs trotzdem ein ungutes Gefühl. Hinter vorgehaltener Hand munkelt man, die Kündigungen und Schließungen seien auch angekündigt worden, um die Privatisierung durchzusetzen. Nur so wurde die Entscheidung für die Bevölkerung nachvollziehbar.
In Frankreich läuft die Privatisierung anders. Hier gehören die Krankenhäuser nicht den Kommunen, sondern dem Staat, und noch nie hat der Staat ein komplettes Krankenhaus einfach verkauft. Frankreich privatisiert häppchenweise, Abteilung für Abteilung. Jean-Lou de Rousseau ist der Präsident des Verbandes der privaten Krankenhausbetreiber.
Man kann sagen, dass wir gut 30 Prozent des französischen Krankenhausmarktes vertreten. In der Chirurgie behandeln wir 60 bis 65 Prozent aller Fälle im Land. Der private Sektor in Frankreich ist also sehr groß, ich denke sogar, erst einer der größten in Europa. Viele öffentliche Krankenhäuser kommen mit dem Geld aus dem Sozialsystem nicht mehr aus und schreiben rote Zahlen, so auch das Krankenhaus der Kleinstadt Carhaix in der Bretagne. Deshalb bestimmt die regionale Gesundheitsbehörde im Sommer 2008 die sofortige Schließung der Geburtsstation und der Chirurgie. Privat oder öffentlich, wenn man in Paris lebt, macht das wohl kaum einen Unterschied. Aber wenn es hier jetzt keine öffentliche Geburtsstation und Chirurgie mehr gibt für 70.000 Menschen, das ist doch nicht zumutbar. Die Schließung ländlicher Krankenhäuser hinterlässt sogenannte medizinische Wüsten. Für ihre Behandlung müssen die Menschen dann weite Wege in Kauf nehmen. Der Bürgermeister von Carhaix, Christian Troadec, ermuntert die Bevölkerung, gemeinsam mit ihm gegen die Schließung zu protestieren. Über Monate hinweg demonstrieren Tausende Menschen in der ganzen Gegend. Besonders der Protest einer Gruppe werdender Mütter sorgt für Furore.
Diese Frauen gründeten eine Gemeinschaft und entschieden, komme, was da wolle, ihre Kinder in Carhaix zur Welt zu bringen. Das war wirklich außergewöhnlich, und die Frauen haben in Carhaix entbunden, obwohl die Geburtsstation geschlossen war. Statt in die Geburtsstation gehen die Frauen in die Notaufnahme von Carhaix, um ihre Kinder zur Welt zu bringen. So auch Kathrin Lebrun. Doch sie muss erfahren, was es bedeutet, wenn die nächste Geburtsstation fast eine Autostunde entfernt ist.
In der Notaufnahme befinden die Ärzte, es sei noch genug Zeit, die hochschwangere Kathrin in ein anderes Krankenhaus zu bringen. Im Krankenwagen geht es nach Morlaix, das ist am nächsten. Für mich war das eine Ewigkeit. Doch die Ärzte haben sich verschätzt. Die Schwester im Krankenwagen tat alles, um mich zu beruhigen, sie hielt meine Hand, aber ich war total angespannt. Ich musste pressen und ich fühlte, wie das Baby kam, und ich kenne die Strecke, jede einzelne Kurve, und wusste, wir sind noch lange nicht da.
Erst nach 45 Minuten erreicht der Notarztwagen das Krankenhaus von Morlaix. Das ging dann sehr schnell. Sie haben eine Fruchtblase punktiert, und nach zwei Minuten war es vorbei. Das ging schnell. Kathrins Tochter Ines ist heute ein gesundes Kind. Doch ihr Gynäkologe, Dr. Farid Madran, erinnert an die Gefahren des Vorfalls. Die Geburt ging schnell und wer sollte sie entbinden? Im Wagen war ja kein Geburtshelfer. Ihre Entbindung wäre von einer fachfremden Person während der Fahrt betreut worden. Das sind Komplikationen, doch vorprogrammiert. Sie könnte bluten, sie könnte Probleme bei der Geburt haben.
Die vielen Proteste zeigen tatsächlich Erfolg, die Schließungen werden zurückgenommen, vorläufig. Wenn morgen Carhaix die Chirurgie zumacht, dann profitiert nicht die Uniklinik in erster Linie davon, die ganzen Privatkliniken bekommen einen zusätzlichen Geld- segen, ohne dass sie auch nur darum gebeten hätten. Noch immer hat das Krankenhaus Schulden. Auf Druck aus Paris entscheidet der Verwaltungsrat heute über einen Anschluss des Hauses an die Uniklinik von Brest. Carhaix würde damit allen Einfluss auf das Krankenhaus verlieren. Über mögliche Schließungen von Abteilungen entscheidet dann Brest, und Brest ist weit. Manche Bürger wollen das nicht akzeptieren.
Die Aktivisten fordern Garantien für den Erhalt der Geburtsstation und der Chirurgie. Nach zehn Verhandlungen stimmt die Mehrheit der Delegierten schließlich für die Fusion. Garantien gibt es keine. Heute wird uns eine Entscheidung aufgezwungen, die nie mit uns Vertretern aus Carhaix diskutiert wurde. Sie wurde diskutiert und festgesetzt in einem Büro in Paris, und es scheint, als würden die tatsächlich damit durchkommen. Das hier ist eine Scheindemokratie.
Paris, das Parlament diskutiert eine Reform der Gesundheitsversorgung. Roselyne Bachelot ist die französische Gesundheitsministerin. Das vielschichtige Reformgesetz ist ihr Werk. Einige Aspekte finden breite Zustimmung, andere weniger. Die Opposition beklagt eine weitere Bevorzugung von Privatkliniken.
Wir sagen den privaten Krankenversorgern: So, hier sind alle Gesundheitsprobleme, sucht euch aus, was interessiert, kein Problem. Die nehmen, was sich rentiert, alles, was Geld bringt. Und alles, was sie nicht interessiert, das müssen dann die öffentlichen Krankenhäuser machen. Das ist ein großes Problem. Besonders unrentabel sind die Notaufnahmen. Für teure Notfallbehandlungen gibt es in Frankreich keine Zuschläge. Michel Drü ist Notfallanästhesist in einem großen Pariser Krankenhaus. Er versteht die Sorgen der öffentlichen Krankenhausleitungen gut.
Der finanzielle Druck wächst. Jedes Jahr verlangt man von ihnen ein paar finanzielle und wirtschaftliche Einschränkungen mehr. Man kommt zu einem Punkt, an dem man die Patienten nicht mehr ordentlich behandeln kann, weil man einfach nicht mehr die Mittel dazu hat. Auch für die Angestellten ist die Schmerzgrenze erreicht. Gegen das Bachelot- Gesetz gehen sie auf die Straße. Wenn eine Regierung imstande ist, derartig zu lügen, dann ist es leicht, ein solches Schottengesetz zu verabschieden. Das ist unvereinbar mit der Geschichte der Krankenhäuser, und es ist unvereinbar mit der Geschichte und dem wissenschaftlichen Fortschritt der Medizin in Frankreich. Unter dem Deckmantel des Fortschritts betreiben sie die Liberalisierung und Privatisierung des öffentlichen Dienstes. Das ist eine Schande.
Die privaten Krankenhausbetreiber sehen der neuen Gesetzgebung gelassen entgegen, aus gutem Grund. Melanie ist also zuständig für unsere Beziehungen zu den Parlamentariern und zu unseren verschiedenen Ministerien. Sie macht die Verbindungen zwischen unserem Verband und unseren gewählten Vertretern, die ja über die Zukunft unserer gesamten Branche entscheiden müssen. So ist das in der Tat, indem wir sie informieren, indem wir sie persönlich treffen, haben wir es geschafft, sie für einige Punkte zu sensibilisieren, die sie dann tatsächlich in den Debatten vertreten haben. In Deutschland sorgen sich vor allem die niedergelassenen Ärzte um das Gesundheitssystem und die Höhe ihrer Honorare. Der jährliche Ärztetag ist das größte Treffen deutscher Mediziner und traditionell eine Plattform für Angriffe gegen die Politik. Jörg-Dietrich Hoppe ist der oberste Standesvertreter der Ärzte. Er wirft den Politikern vor, die Probleme herunterzuspielen. Wer sich heute hinstellt und behauptet, die umfassende Gesundheitsversorgung sei sicher, der sagt schlicht und einfach nicht die Wahrheit. Die Ärzte drohen, das Geld reiche nicht, in Zukunft sollten die Kassen nur noch die Behandlung von akuten und schweren Krankheiten bezahlen. Ärmere Menschen ohne Zusatzversicherung würden dann ganz offiziell schlechter behandelt. Hoppe nennt das Priorisierung. Doch nicht alle wollen die Zwei-Klassen-Medizin in dieser Art festschreiben. Vor der Kongresshalle wird gegen Hoppes Vorstoß
demonstriert. Das ist einfach die große Gefahr. Er sagt, es ist nicht genug Geld da, wir müssen priorisieren, wie er sagt, und das heißt, das, was nicht von gesetzlichen Krankenversicherung bezahlt werden kann, das werden dann die, die Ärzte privat abrechnen oder Privatversicherung, und da sind wir eben strikt dagegen, weil das einfach eine Aushöhlung unserer sozialen Krankenversicherung bedeutet, wenn nicht mehr alles das, was notwendig ist, auch bezahlt wird. Ein anderer Streitpunkt sind die Arzthonorare. Die Reform von Anfang 2009 soll die Unterschiede zwischen den Bundesländern ausgleichen. Wer schreit? Das sind die, die weniger bekommen, die, die mehr bekommen in dem System, und das sind auch sehr viele Ärzte, die schreien natürlich nicht, die kann die nehmen, das Geld gerne mit. Also die ganzen niedergelassenen Ärzte im Osten zum Beispiel bekommen sehr gut bezahlt jetzt, nicht, die schreien aber nicht, sondern es schreien die, die etwas weniger bekommen, also die aus Bayern, Baden-Württemberg, vielleicht nicht, für die Fachärzte aus den reicheren Bundesländern werden die Zeiten also rauer.
Hier in Ansbach in Mittelfranken behandelt Doktor Kessler seine Patienten. Er betreibt ein Zentrum für ambulante Chirurgie. Versuchen Sie mal, ganz locker zu lassen, das Knie. Seit der Honorarreform verdient er mit seinen Operationen erheblich weniger Geld.
Also früher, also sprich bis letztes Jahr, haben wir etwa 650 Euro für so einen Eingriff plus Nachbehandlung und Überwachung bekommen. Wenn es bei der Regelung, die jetzt angedacht ist, oder im 455 Euro rechnen, das würde für uns dann bedeuten, dass wir also spätestens Mitte des Jahres unsere Arbeit aufgeben müssen und Insolvenz anmelden müssten. Die Insolvenz bleibt Doktor Kessler hoffentlich erspart. Doch tatsächlich gehören Bayerns ambulante Chirurgen zu den größten Verlierern der Honorarreform. Dr. Kessler schickt seine Patientin Claudia Linz deshalb vor der Behandlung mit einer Rechnung zu ihrer Krankenkasse. Darf ich mal sehen? Ja, dankeschön. Die Praxis Kessler, Köften, das sind Vertragsärzte, die haben einen Versorgungsvertrag mit den Krankenkassen, und die müssen Sie eigentlich gegen Vorlage der Krankenversicherungskarte behandeln.
Erstatten können wir Ihnen da nichts. Die Knie-OP der Patientin ist eine Regelleistung, für die ein Festpreis gilt. Das weiß auch Doktor Kessler. Es war eine Vergangenheit auch schon in Bayern so, wenn Ärzte gesehen haben, dass sie Honorareinbußen hinnehmen müssen, dass sie die Patienten für ihre Honorar zur Durchsetzung ihrer Honorarforderungen eingesetzt haben, und das haben wir vorhin gerade gesehen. Der Arzt hat also unsere Versicherte dahingehend gedrängt, mit dem Antrag zu uns zu kommen, um quasi seine Honorarforderungen durchzusetzen. Die Sache mit der Rechnung ist eine Protestaktion. Der Verteilungskampf wird auf dem Rücken der Patienten ausgetragen. Es mag in gewisser Weise schon etwas dran sein, dass sie die Patienten instrumentalisieren, wobei, wir wollen die Patienten nicht instrumentalisieren, sondern wir bitten die Patienten um Hilfe, weil letztendlich sind wir für die Patienten da. Wir gehen im Augenblick in Vorleistung, wir leisten alles wie bisher auch, wir wissen nicht, was wir dafür bekommen, und wir bitten die Patienten, wir erklären ihnen das, und wir bitten die Patienten, uns zu helfen und mit diesem Zettel zur Krankenkasse zu gehen. Claudia Linz erhält ihre Operation wie geplant. Es bleibt ein unangenehmes Gefühl. Den Konflikt durchschaut man als Patient überhaupt nicht. Ich finde, das ist auch nicht die Aufgabe von Patienten, sondern der Patient erwartet für seine Leistung auch eine Gegenleistung, sonst brauche ich ja keinen
Krankenkassenbeitrag zu zahlen. Der Streit um die Bezahlung der niedergelassenen Ärzte in Bayern ist bis heute nicht beigelegt. Landespolitiker haben den Ärzten aber versprochen, ihre Verluste durch die Honorarreform auf höchstens fünf Prozent zu begrenzen. Woher das Geld kommen soll, ist unklar. In Nordrhein-Westfalen sind es vor allem die Hausärzte, die klagen. Sie gehörten noch nie zu den Spitzenverdienern in der Ärzteschaft, dabei schultern sie einen Großteil der medizinischen Grundversorgung. Dafür bräuchten die Hausärzte eigentlich viel Zeit, doch Studien belegen, dass deutsche Mediziner pro Termin europaweit am wenigsten Zeit für ihre Patienten haben. Nur acht Minuten dauert eine Untersuchung hierzulande im Schnitt, in Frankreich sind es 16. Helmut Küpper hätte der ärztliche Zeitmangel fast das Leben gekostet. Er hat einen Herzinfarkt, habe ich selber nicht festgestellt, außer Schmerzen und habe noch drei Monate damit, bin ich rumgelaufen, bis auf einmal die Luft total fehlte und dank Dr. Grad durch Schluss, der sofort Termin mit Kardiologen gemacht hat und dank dem Kardiologen, der sofort trotz gepackter Koffer für den Urlaub zu fahren, wir einen Termin im Wuppertal zur Katheter-Untersuchung gemacht hat, werde ich, sitze ich hier überhaupt noch, denke ich mal, erst nach ausführlicher Untersuchung entdeckte Hausarzt Martin Grau Duschus den Infarkt.
Helmut Küpper selbst ahnte gar nicht, dass er in Lebensgefahr schwebt. Manchmal ist eben so ein Krankheitsbild auch so ein bisschen Chamäleon oder das versteckt sich, aber da ist eben Begleitung des Patienten, Kenntnis des Patienten und Aufmerksamkeit ganz, ganz wichtig. Sein Arzt nahm sich Zeit für ihn, das rettete Helmut Küpper das Leben. Doch auch er spürt Veränderungen. Früher hat man einfach mehr geredet, aber heute zwingt der Schärfer dem Arzt die missliche Finanzsituation dazu, bei dem hohen Kostenaufwand die Patienten möglichst schnell abzufertigen, will ich nicht sagen, aber zumindest durchzuschleusen.
Aus Sicht der Ärzte ist das Honorarsystem schuld am Zeitmangel. Gespräche mit den Patienten werden nicht belohnt. Wenn ein Patient zum Beispiel wöchentlich über acht oder zehn Wochen zu mir in die Gesprächsstunde kommt und es besteht auch noch ein Gesprächsbedarf von 15, 10 Minuten, dann habe ich ein Honorar von 36 Euro und keinen Cent mehr. Diesen Honoraranteil von 36 Euro können Sie bei ein bis zwei Kontakten abarbeiten, die weiteren sechs, acht oder zehn Kontakte bringen kein Geld mehr. Die Klagen der Ärzte an diesem Punkt sind verständlich, die Konsequenzen bekommen die Patienten direkt zu spüren. Aber wird es den niedergelassenen Hausarzt, wie Sie ihn kennen, in Zukunft überhaupt noch geben? Ein neues Geschäftsmodell ist auf dem Vormarsch. In medizinischen Versorgungszentren arbeiten die Ärzte nicht auf eigene Rechnung, sondern sind Angestellte einer Firma. Medizinische Versorgungszentren, unabhängig ob nun Atriomed oder nicht, sind definitiv Modelle der Zukunft. Man kann es allein deswegen schon erkennen, dass jedes Quartal 70 neue MVZ in ganz Deutschland zugelassen werden und die Tendenz ist steigend. Die Versorgungszentren bieten modernes Ambiente, kurze Wartezeiten und fachübergreifende Diagnosen. Erst neuerdings dürfen Medizinkonzerne Arztsitze aufkaufen und Versorgungszentren eröffnen, besonders für die großen Krankenhausketten ist das attraktiv. Kritiker fürchten deshalb um die Unabhängigkeit der hier angestellten Ärzte. Werden wirtschaftliche Vorgaben der
Betreiber auch medizinische Entscheidungen beeinflussen? Der Erfolg der Versorgungszentren macht den niedergelassenen Ärzten Angst. Martin Grau Duschus ist nicht nur praktizierender Allgemeinmediziner, sondern auch Präsident des Verbandes Freie Ärzteschaft. Patientinnen und Patienten von den politisch Verantwortlichen in diesem Lande die unumkehrbare Zusicherung, dass die flächendeckende und wohnortnahe haus- und fachärztliche Versorgung ohne Abstriche erhalten bleibt. Die Ärzte werfen den Versorgungszentren vor, die Patienten anonym abzufertigen. Kranke würden hier nur als Wirtschaftsfaktor gesehen, menschliche Nähe in der Behandlung drohe zu verschwinden.
In dieser Umstrukturierungszeit jetzt versprechen sich die Konzerne, dass sie den gesamten Gesundheitsmarkt, also nicht nur die Krankenhäuser, auch die ambulante Versorgung dann übernehmen und realisieren können. Industrialisiert kann man aber eine Versorgung nur in Zentren anbieten und nicht in hunderttausend Praxen, wie wir es heute haben. Und wenn die, wenn dann die Industrie diese Versorgung übernommen hat, dann wird sie die Preise bestimmen, die Krankenkassen werden den Leistungskatalog verringern und der kleine Mann wird am Ende nicht mehr ausreichend versorgt werden. Nicht nur beim Thema medizinische Versorgungszentren kämpfen die Ärzte gegen die wachsende Macht der Medizinkonzerne, ihr stärkster Konkurrent im Streit um die Gesundheitsmilliarden ist die Pharmaindustrie.
Je mehr Geld die Kassen für Medikamente ausgeben, desto weniger bleibt für Arzthonorare. Gerne würden die Ärzte deshalb den Anstieg der Arzneimittelausgaben bremsen. Hier in Düsseldorf haben sie kritische Experten und mächtige Funktionäre eingeladen, um das Thema zu diskutieren. Einer von ihnen ist Rainer Hess. Er ist der Vorsitzende des höchsten Gremiums im deutschen Gesundheitswesen, der Gemeinsame Bundesausschuss, den ich repräsentiere, hat die Aufgabe, Kosten- Nutzen-Bewertungen in der Arzneimittelversorgung durchzuführen und die heutige Veranstaltung dient dazu, dafür Kriterien zu entwickeln. Moderator ist der Pharmaexperte Gerd Glaeske. Er beklagt, dass wir inzwischen mehr Geld für Medikamente ausgeben als für Ärzte. Früher hatten wir immer die Reihenfolge Krankenhaus, dann Honorare, Arzneimittel. In der Zwischenzeit haben wir die Reihenfolge Krankenhaus, Arzneimittelausgaben, Arzthonorare. Bei den Ausgaben für Medikamente sind in den letzten Jahren vor allem die Kosten für Impfungen explodiert. Schuld daran ist Gardasil, ein Impfstoff, der gegen sogenannte HP-Viren wirkt.
Diese Viren können Gebärmutterhalskrebs auslösen. Seit Anfang 2007 bezahlen die Krankenkassen die Impfung für Mädchen von 12 bis 17 Jahren, doch der Impfstoff ist sehr teuer. Der HPV-Impfstoff, der derzeit am meisten verkauft wird, Gardasil, ist mittlerweile zum umsatzstärksten Arzneimittel überhaupt in Deutschland geworden. Innerhalb von 18 Monaten der Boom um die HPV-Impfung bescherte Industrieeinnahmen in dreistelliger Millionenhöhe allein in Deutschland. Auch Sina Hofrat lässt sich Ende 2007 impfen. Heute bereut sie das, denn kurze Zeit nach der dritten Injektion mit Gardasil erkrankte sie.
Angefangen hat mit den Lähmungen, durch Kribbeln in den Füßen und dann ist das, dieses Kribbeln ist immer weiter hochgezogen und dann irgendwann hat es auch in den Händen angefangen zu kribbeln. Irgendwann konnte ich nicht mehr laufen, dann bin ich gestürzt. Sina litt am Guillain-Barré-Syndrom, einer Nervenerkrankung, die inzwischen als seltene Nebenwirkung der HPV-Impfung anerkannt ist. Dann lag ich im Krankenhaus und eigentlich wurde es dann von Tag zu Tag eigentlich immer schlimmer und dann irgendwann war es im Gesicht, dass meine linke Gesichtshälfte hing und dass ich dann meinen ganzen Körper nicht mehr gespürt habe oder meine Arme und meine Beine nicht gespürt habe und dann halt innere Organe auch ausgefallen sind. Die Einführung neuer Impfungen erfolgt in Deutschland auf Empfehlung der Ständigen Impfkommission, eine Abteilung des Robert- Koch-Instituts. Im März 2007 spricht die Kommission ihre Empfehlung für die HPV- Impfung aus, der Gemeinsame Bundesausschuss bestätigt die Empfehlung und macht die Impfung zur Kassenleistung. Doch der Vorsitzende sieht das heute kritisch. Und die Impfkommission hat diese HPV-Empfehlung eben abgegeben und wir hatten dann nur noch diese drei Monate Frist und mussten dann eben sehr schnell entscheiden und hatten gar keine Möglichkeit, etwa hier eine eigene Prüfung vorzunehmen. Sofort nach der Empfehlung für die HPV-Impfung starten die Impfstoffhersteller aufwendige PR-Kampagnen. Möglichst viele Mädchen
sollen sich impfen lassen auf Kosten der Krankenkassen. In Frankreich wird die Impfung ebenfalls schnell populär. Auch Sina Hofrat hatte vor ihrer Impfung die Werbespots gesehen. Das war ein Beitrag von der, die Hand von ihrer Mutter und dann legt ein Kind ihre Hand und das Kind wird halt immer größer und dann sagt sie: Schützen Sie Ihr Kind vor Gebärmutterhalskrebs. Ja, damit halt diese Impfung gezeigt und das habe ich so verstanden, dass durch diese Impfung wird dem Kind halt Schutz vor Gebärmutterhalskrebs gewährt. Schutz ja, doch mit welcher Wahrscheinlichkeit? Bis heute wurden in Deutschland Hunderttausende Mädchen geimpft. Nebenwirkungen wie die von Sina Hofrat blieben zum Glück selten. Kritik gibt es trotzdem. Wissenschaftler werfen den Herstellern und der Impfkommission vor, die Wirksamkeit der Impfung übertrieben zu haben. Nach dem Anschauen der Werbespots erwarteten viele Mädchen und ihre Eltern einen hundertprozentigen Schutz gegen Gebärmutterhalskrebs, davon, so unabhängige Wissenschaftler, sei man jedoch weit entfernt. Inzwischen wird der Fall neu aufgerollt. Der Hintergrund waren Bedenken, die von Wissenschaftlern an der Breite der Evidenz geäußert wurden. Also hat die HPV-Impfung ein Schutzeffekt für 70 Prozent der in der Fälle oder nur für 30 oder nur für 20 Prozent, das ist wissenschaftlich umstritten gewesen. Wir haben die Impfkommission angefragt, wo sie ihre Daten her hat, und wir haben auch eine
Antwort bekommen, die jetzt bei uns ausgewertet werden. Wenn die Wirksamkeit der Impfung auch unter Experten noch immer derart umstritten ist, warum kam die Ständige Impfkommission im März 2007 dann trotzdem so schnell zu ihrer Empfehlung? Ich glaube, man muss da Mutmaßungen anstellen, man muss die Mutmaßung anstellen, dass natürlich auch die Mitglieder der Ständigen Impfkommission jedenfalls zum Teil sehr stark auch mit pharmazeutischen Herstellern zusammenarbeiten. Zweifel wurden nach der HPV-Impfempfehlung insbesondere am damaligen Leiter der Impfkommission laut, Professor Heinz-Josef Schmitt. Was mich schon sehr gestört hat, nachträglich gesehen, ist die Tatsache, dass der Vorsitzende der Impfkommission etwa sechs bis acht Wochen später das entsprechende Department in der Firma Novartis geleitet hat, also sofort von dieser Kommission dann, wenn man so will, wenn ich das ganz direkt ausdrücken will, weggekauft wurde in die pharmazeutische Industrie. Schon vor der Impfempfehlung hatte Schmitt einen Preis für seine Verdienste um die Förderung des Impfgedankens angenommen. Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung wurde gestiftet vom Impfstoffhersteller Sanofi Pasteur. Das heißt, wir haben sie zu früh in den Markt eingeführt, aus meiner Sicht die STIKO hat zu früh diese Entscheidung getroffen, bei der man sich fragen muss, ist das nicht eingeführt worden allein aus gewinnträchtigen Gründen, ohne wirklich
letzten Endes einen guten Beleg für den Nutzen zu haben. Der Virologe Harald zur Hausen ist der Entdecker des Zusammenhangs zwischen HP- Viren und Krebs. Dafür wird ihm 2008 der Nobelpreis verliehen, auch das gut für das Image der Impfung. Das war ein sehr freudiges Ereignis, war am 6. Oktober, ich wurde gegen Viertel vor elf angerufen und als ich einen schwedischen Akt, einen schwedischen Akzent vernahm, war mir eigentlich schnell klar, worum es ging, und das kam dann auch sehr schnell zur Sache und ich muss sagen, ich habe mich natürlich extrem darüber gefreut. Doch zum Ärger von Professor zur Hausen sitzt in der schwedischen Kommission auch ein Vertreter eines Unternehmens, das an dem Impfstoff mitverdient.
In der Tat muss wohl ein Mitglied der Nobelkommission im Aufsichtsrat der Firma AstraZeneca vertreten gewesen sein und also soweit es jetzt die Vergabe des Preises betrifft, halte ich die Argumente für lächerlich. Soweit es das Faktum jetzt selber betrifft, dass ein Mitglied dort gleichzeitig im Komitee saß, das eine Sache, die das Nobelkomitee entscheiden muss, ob sie das für richtig halten oder nicht. Zur Hausens Entdeckung wird weltweit als wissenschaftlicher Durchbruch gefeiert, aber sicher ist auch, die HPV-Impfung kostet uns alle viel Geld und für Sina Hofrat folgten auf die Impfung quälende Monate in Krankenhäusern und Reha-Kliniken. Heute geht es ihr besser, aber ihre Erfahrungen haben sie vorsichtig gemacht. Beim Thema Gesundheit geht es immer um viel. Innovationen können schützen und heilen, doch wer immer im Gesundheitswesen etwas verspricht, hofft wahrscheinlich auch auf einen größeren Anteil an den Gesundheitsmilliarden.
Unsere öffentlichen Krankenhäuser verwandeln sich in Filialen großer Gesundheitskonzerne. Was werden die Folgen für die Patienten sein? Im Gesundheitswesen jagt eine Reform die nächste. Viele Ärzte geraten dabei in ein Spannungsfeld zwischen Patientenfürsorge und Finanzinteressen. Wie zukunftsfähig ist das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient? Mit juristischen Kniffen versuchen die Pharmahersteller, ihre Gewinne aus unseren Versicherungsbeiträgen immer weiter zu steigern. Welchen Einfluss haben sie auf die Gesetzgebung? Die Gesundheitssysteme in Deutschland und Frankreich gelten als vorbildlich, aber sie stehen vor großen Herausforderungen.
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