Biozivilisationen – Dr. Predrag Slijepcevic
(Mit deutschen Untertiteln)
Wenn der Mensch sich als Krone der Schöpfung begreift, übersieht er nach Ansicht des Biowissenschaftlers Predrag Slijepcevic das Wesentliche: Das Leben existiert seit etwa vier Milliarden Jahren, der Homo sapiens hingegen erst seit zwei- bis dreihunderttausend Jahren. In einem Gespräch mit Robert Cibis entwirft Slijepcevic, Autor des gerade erschienenen Buches „Biozivilisationen – Ein neuer Blick auf die Wissenschaft vom Leben“, ein Bild der Natur, das die gewohnte Hierarchie auf den Kopf stellt. Sprache, Ingenieurskunst, Wissenschaft, Kunst, Medizin und Landwirtschaft, all jene Errungenschaften, die der Mensch für sich reklamiert, existierten in der natürlichen Welt schon Millionen, teils Milliarden Jahre vor unserer Zivilisation.
Slijepcevic beruft sich auf die in den 1970er Jahren von James Lovelock und Lynn Margulis formulierte Gaia-Theorie, wonach die Biosphäre ein zusammenhängendes, dezentral organisiertes System mit eigenem Geist sei. Lange als unwissenschaftlich abgetan, gewinne diese Sichtweise heute an Boden. Der Mensch, so der Biologe, kontrolliere die Natur nicht, vielmehr verhalte es sich umgekehrt. Das jüngst populär gewordene Konzept des Anthropozäns, das den Menschen zum Herrscher und Eigentümer der Erde erkläre, hält er für irreführend, denn evolutionär betrachtet seien wir Anfänger.
In nüchternen Zahlen klingt das so: Vom Gesamtgewicht der Biosphäre, rund 550 Gigatonnen Kohlenstoff, entfallen etwa 70 Prozent auf Pflanzen, 25 Prozent auf Bakterien und nur etwa zwei Prozent auf das gesamte Tierreich, den Menschen eingeschlossen. Bakterien siedeln nicht nur am Boden, sondern bis in 70 Kilometer Höhe in der Atmosphäre und 20 bis 30 Kilometer tief in der Erdkruste. Sie hätten, so Slijepcevic, die Biosphäre überhaupt erst geschaffen. Ohne sie sei kein Leben denkbar, mathematische Modelle zeigten, dass nach einem Verschwinden der Mikroben binnen zwei bis drei Monaten alle übrigen Organismen sterben würden. Das menschliche Mikrobiom umfasst rund 400 Billionen Bakterien gegenüber nur 37 Billionen Körperzellen, und auch die Entwicklung des menschlichen Gehirns sei ohne bakteriellen Einfluss nicht möglich.
Besonders eindrücklich beschreibt Slijepcevic die Sozialstrukturen der Insekten. Ameisen, Termiten und Honigbienen leben in regelrechten Städten, mit Verkehrswegen, Verteidigungsanlagen, Landwirtschaft, in der Pilze als Nutzpflanzen gezüchtet werden, und mit Bestattern, die tote Artgenossen am charakteristischen Geruch erkennen. Forscher hätten zudem beobachtet, dass Ameisen verletzte Kameraden aus dem Schlachtfeld zurück ins Nest tragen, ihre Wunden mit antimikrobiellen Sekreten desinfizieren und gegebenenfalls Beine amputieren. Am Folgetag kehrten die Behandelten häufig in den Kampf zurück. Bemerkenswert sei dabei, dass Ameisen über kaum nennenswerte Gehirne verfügten und dennoch derartige Leistungen vollbrächten.
Genau hier setzt Slijepcevic den Hebel an einem zentralen Dogma der modernen Biologie an. Das mechanistische Weltbild, das Leben als auseinandernehmbare und wieder zusammensetzbare Maschine begreife und alles auf Gene und Information reduziere, sei in eine Sackgasse geraten. Gemeinsam mit Kollegen vertritt er in dem Band „The Sentient Cell“ die These, dass jeder einzelne Organismus, vom Bakterium bis zum Menschen, empfindungsfähig und mit einem subjektiven Selbstgefühl ausgestattet sei. Schon Descartes habe sich geirrt, als er Tieren das Schmerzempfinden absprach. Auch Ameisen verfügten offenbar über so etwas wie Persönlichkeit. Bewusstsein, betont der Biologe, sei nicht dasselbe wie Rationalität, viele unserer Entscheidungen seien emotional, von Erfahrungen, Geschichten und Metaphern geprägt.
Bakterien beschreibt Slijepcevic nicht als einzellige Organismen, wie es in Lehrbüchern steht, sondern als Gesellschaften von Billionen Individuen, die untereinander durch chemische Botschaften und über größere Distanzen mittels elektrischer Impulse kommunizieren. Bereits vor rund drei Milliarden Jahren sei so etwas wie ein bakterielles Internet entstanden, ein global vernetztes System, das auch erkläre, weshalb sich Antibiotikaresistenzen so rasch über Kontinente hinweg verbreiten könnten, getragen von planetaren Windsystemen, in denen Bakterien als Sporen weite Strecken zurücklegen.
Cibis verweist im Gespräch auf den deutschen Philosophen Jochen Kirchhoff, der den Kosmos selbst als lebendigen Organismus deutet, und fragt nach der Plausibilität eines solchen Gedankens. Slijepcevic erinnert an Alfred North Whitehead, der bereits Atome und Elektronen als Lebewesen verstand, an den im heutigen Estland geborenen Biologen Jakob von Uexküll als Begründer der Biosemiotik und an Martin Heideggers berühmten Essay über die Technik, in dem dieser bereits 1954 vor einer Reduktion der Natur auf bloße Ressource warnte. Eine Studie zweier italienischer Physiker aus dem Jahr 2020 habe überdies eine verblüffende strukturelle Ähnlichkeit zwischen dem Netzwerk der Galaxien und dem menschlichen Gehirn aufgezeigt. Auch Roger Penrose, jüngst Nobelpreisträger der Physik, halte Bewusstsein für etwas, das nicht durch Berechnung erklärbar sei, was wiederum bedeute, dass das Leben keine Maschine ist.
Auf Cibis‘ Frage nach den gesellschaftlichen Folgen dieser Sichtweise antwortet Slijepcevic zurückhaltend. Konflikte werde es immer geben, das liege in der menschlichen Natur. Wege aus der mechanistischen Weltsicht ließen sich nur in einem ernsthaften Dialog zwischen Geldgebern, Politikern, einfachen Bürgern, jungen Menschen und religiösen Führern bahnen, und dies nicht nur in Westeuropa, sondern unter Einbeziehung Afrikas und Asiens. Cibis äußert in diesem Zusammenhang seine Skepsis gegenüber der politischen Instrumentalisierung des Klimathemas in Deutschland und unterscheidet ausdrücklich zwischen Klimawandel und dem unbestreitbaren Verlust an Biodiversität. Slijepcevic stimmt zu, dass beides nicht in einen Topf gehöre, betont aber, dass die „biologische Vernichtung“ der vergangenen 100 bis 150 Jahre, das von Wissenschaftlern als sechstes Massenaussterben bezeichnete Phänomen, eindeutig auf menschliche Technologien zurückgehe.
Am Ende plädiert Slijepcevic für Demut. Der Mensch sei die jüngste Ergänzung im Kaleidoskop der Evolution und täte gut daran, von jenen zu lernen, die seit Milliarden Jahren auf diesem Planeten leben. Er zitiert Lynn Margulis mit dem Satz, wir seien im Grunde nichts anderes als ökologische Gemeinschaften von Mikroben. Cibis schließt mit der Bemerkung, dass auch das Filmemachen für ihn etwas sei, zu dem er beitrage, ohne es vollständig selbst zu kontrollieren, ein dezentrales Wissen, das durch ihn hindurch wirke.
Cibis schließt mit der Bemerkung, dass auch das Filmemachen für ihn etwas sei, zu dem er beitrage, ohne es vollständig selbst zu kontrollieren, ein dezentrales Wissen, das durch ihn hindurch wirke. Vielleicht ist das so bei allen erfolgreichen Projekten?
Der Neue Erde Verlag hat nun „Biozivilisationen“ auf Deutsch herausgebracht.





